Stammtischgeschichten…

Was nützt einem das beste Buch, wenn man mit niemandem darüber sprechen und die Begeisterung dafür teilen kann? Okay, man kann immer noch (hier) darüber schreiben und wenn man Glück hat, kriegt man dazu auch mal ein Feedback aber ein echtes Gespräch ersetzt das zugegebenermaßen nicht. Zum Glück habe ich meinen Lesekreis, der mir mindestens einmal im Monat die Möglichkeit gibt, mich – mal mehr, mal weniger ausführlich – mit meinen Mitstreiterinnen über ein vorher festgelegtes Buch auszutauschen. Aber da mein Mitteilungsbedürfnis über Literatur keine Grenzen kennt, bin ich damit schlicht nicht ausgelastet… :)

Wie gut, dass mich eine Freundin letztes Jahr über Facebook auf eine weitere literarische… na, nennen wir es mal… Veranstaltungsreihe hier in Hamburg aufmerksam gemacht hat – einen Bücherstammtisch! Diese Veranstaltung unterscheidet sich nicht nur dem Namen nach vom Lesekreis, sie folgt auch einem anderen Prinzip und ergänzt damit meinen literarischen Kosmos nahezu perfekt: Hier trifft man sich mit Gleichgesinnten, um über Bücher zu diskutieren, die man gelesen hat, die man gern lesen möchte oder die man als Tipp mitnimmt. (Natürlich kommen dabei auch die Themen des “normalen Lebens” nicht zu kurz.)

Letzten Donnerstag war es wieder soweit und neben einer Möglichkeit, mich noch einmal in größerer Runde über meine letzte Lektüre (“The Particular Sadness of Lemon Cake“) zu echauffieren und von “Vor dem Fest” (Rezension folgt) zu schwärmen, habe ich vor allem eins mitgenommen – jede Menge spannende neue Buchtipps, z.B. “Das Gleichgewicht der Welt” von Rohinton Mistry oder “The Kite Runner” und “A Thousand Splendid Suns” von Khaled Hosseini. Von letzterem habe ich zwar schon oft gehört und gelesen, ihn aus irgendeinem Grund aber nie wirklich für meine to-read-Liste in Betracht gezogen. Nach der begeisterten Fürsprache beim Stammtisch bekommt er nun vielleicht doch eine Chance. Besonders gespannt bin ich allerdings auf “Die Nacht der Erinnerungen” von Antonio Muñoz Molina, ein recht umfangreicher Gesellschafts- und Zeitroman, auf den ich letztes Jahr schon einmal aufmerksam geworden bin, leider war die entsprechende Lesung dann aber bereits ausverkauft.

Zunächst einmal muss ich allerdings noch fürs nächste Lesekreis-Treffen “Die Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann lesen… Ja, meine Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Obwohl mir “Ruhm” gut gefallen hat, hätte ich aus eigenem Antrieb wohl nicht unbedingt zu diesem Titel gegriffen aber das ist ja das Schöne am Lesekreis: Er zwingt mich, auch mal über meinen persönlichen literarischen Tellerrand hinauszulesen ;) Wer weiß, vielleicht überrascht mich “Die Vermessung der Welt” ja positiv und wenn nicht, habe ich immer noch die Rezension zu “Vor dem Fest”, auf die ich mich freuen kann. Und eine etwas ältere Dystopie, auf die ich über einen Facebook-Post zur geplanten Verfilmung aufmerksam geworden bin: “The Giver” von Lois Lowry. Und meine Buchschnäppchen vom vorletzten Wochenende. Und, und, und…

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~ The Particular Sadness of Lemon Cake ~

The Particular Sadness of Lemon CakeIch gebe es zu – ich kann bei Büchern manchmal ganz schön oberflächlich sein: ein klangvoller Titel, ein ansprechendes Cover und schon ist mein Interesse geweckt. Aber wie heißt es so schön: Never judge a book by its cover. Und das gilt offensichtlich auch für den Titel – denn der hat zumindest für mich im Fall von “The Particular Sadness of Lemon Cake” leider nicht gehalten, was er versprochen hat. Und ich kann noch nicht einmal behaupten, ich wäre nicht gewarnt gewesen, hat mir eine Freundin und Kollegin doch bereits zuvor dringend von der Lektüre abgeraten. Da ich mir aber grundsätzlich gern selbst ein Bild mache, habe ich mich davon nicht beirren lassen, mich ganz dem Versprechen des wunderbaren Titels hingegeben – und bin dafür nun um eine wenig erhebende, letztlich sogar eher frustrierende Leseerfahrung reicher…

Dabei war mein Interesse in diesem Fall gar nicht so oberflächlicher Natur, denn der Klappentext deutet eine durchaus faszinierende Prämisse an: “On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents’ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal.”

Doch da fängt das Elend für mich auch schon an, denn leider verbinden sich mit dieser “magischen” Gabe in erster Linie negative Gefühle und traurige Einsichten: über die Geheimnisse der Mutter, die Teilnahmslosigkeit des Vaters, die weltabgewandte Zurückgezogenheit des Bruders. Dabei bräuchte es dafür die besondere Gabe der Protagonistin gar nicht unbedingt, denn worum es in dieser Geschichte eigentlich geht, wird für den Leser auch jenseits der Szenen am Esstisch mehr als deutlich: um eine sich auflösende Familie, um Menschen, die einander alles bedeuten und sich im Grunde doch fast fremd sind.

All dies wird durch die Augen der zunächst achtjährigen und später langsam erwachsen werdenden Rose erzählt, die in vielerlei Hinsicht unter ihrer Gabe leidet und darunter, dass sie das Gewicht dieser Gabe kaum mit jemandem teilen kann. Und obwohl das gesamte Buch von der Tragik dieser jungen Protagonistin und ihrer Familie durchdrungen ist, habe ich mich sehr schwer damit getan, mit ihr zu fühlen oder mich in sie hineinzuversetzen. Vielleicht aber auch genau deswegen – weil Rose jenseits dieser fast greifbaren, schwermütigen Hoffnungslosigkeit, von der ihre Geschichte getragen ist, und über ihre Gabe hinaus für mich doch irgendwie farblos geblieben ist.

Auch auf sprachlicher Ebene hat mich das Buch leider nicht wirklich in seinen Bann gezogen. Und das, obwohl auf dem Cover ein Testimonial von Jodi Picoult, deren Bücher ich sehr gern lese, “such beautiful writing” verspricht… Das ist dann wohl irgendwie an mir vorbeigegangen bzw. durch die bedrückende Handlung in den Hintergrund geraten. Dabei kann ich mich grundsätzlich auch für traurige Bücher begeistern aber hier ist der Funke irgendwie nicht übergesprungen. Im letzten Drittel hat die Handlung dann zwar noch einmal deutlich an Spannung gewonnen und mich damit schon gefesselt, das Ende hat meinen Leseeindruck dann allerdings final ruiniert. Nein, ich werde nicht spoilern – aber für einen Roman, der sich bis zu diesem Punkt trotz leicht “magischer” Anklänge doch zumindest in der Peripherie der Realität verorten ließ, führt dieses spezielle Ende einfach zu weit.

~ Fazit ~

Als tragisches Porträt einer zerfallenden Familie hätte dieser Roman in seiner Schwermütigkeit durchaus überzeugen können – es hätte dafür die besondere Gabe der Protagonistin, so verlockend sie als Prämisse auch war, allerdings nicht unbedingt gebraucht und dieses Ende schon gar nicht. 2stars

Titel: The Particular Sadness of Lemon Cake
Autorin: Aimee Bender
eBook: 230 Seiten
Verlag: Windmill Books
ISBN: 978-0-09-953827-1

On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents’ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf
On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents’ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf
On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents’ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf

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~ A Long Way Down ~

A LONG WAY DOWN – Plakat, © ThimfilmMit freundlicher Unterstützung meines Mobilfunkanbieters (auf Schleichwerbung sei an dieser Stelle verzichtet – über die gewonnenen Freikarten habe ich mich aber nichtsdestotrotz sehr gefreut ;) ) bin ich heute in den Genuss des Films “A Long Way Down” gekommen. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby geht es um vier Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – ihre einzige Verbindung: Sie treffen sich in der beliebtesten Nacht des Jahres für Selbstmord auf dem Dach eines Londoner Hochhauses, um von eben dort herunterzuspringen. Da jedoch keiner von ihnen gewillt ist, dies quasi “unter Beobachtung” zu tun, schließen sie einen Pakt und verabreden, sich erst am Valentinstag das Leben zu nehmen…

Bei dieser Thematik würde man nun nicht unbedingt ein Feel-Good-Movie erwarten aber wer Nick Hornby kennt, der weiß oder ahnt zumindest, dass er sich auch dieser speziellen Geschichte mit unverwechselbar schwarzem Humor annähert. Deshalb wird der Film bei aller Tragik, die den Geschichten der einzelnen Charaktere innewohnt, nie zu bedrückend oder schwermütig, im Gegenteil – er besticht auch und v.a. durch den ganz eigenen britischen Humor. Und trotzdem hat man nicht das Gefühl , dass hier leichtfertig mit dem Thema Selbstmord umgegangen wird. Jeder der vier Protagonisten erhält Raum, um seine Gedanken und Gefühle in eigenen Worten zu schildern, und die – wie ich finde – gelungene Besetzung haucht diesen Schilderungen noch zusätzliches Leben ein. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich diesbezüglich zwar keine Vergleiche ziehen, aber das ist bei Literaturverfilmungen ja nicht unbedingt ein Nachteil…

~ Fazit ~

Obwohl “A Long Way Down” stellenweise recht vorhersehbar war und das Ende vielleicht etwas zu sehr nach Friede, Freude, Eierkuchen geschmeckt hat, ist der Sonntag damit doch ganz angenehm ausgeklungen.

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Die Literatur lässt mich nicht los…

Nachdem es hier eine ganze Weile ziemlich, ziemlich still gewesen ist, kribbelt es mir nach der letzten, an Literaturveranstaltungen reichen Woche, bei der Erinnerung an die Leipziger Buchmesse und nicht zuletzt beim Blick auf die jüngsten Neuzugänge für meinen SUB (4 Bücher für 10 € – wie soll man da widerstehen können, das ist ja fast geschenkt!) doch wieder in den Fingern. Deshalb wage ich nun also einen Versuch, meinen kleinen aber feinen Literaturblog wiederzubeleben.

Ganz chronologisch wird es allerdings nicht vonstattengehen, denn die Sichtung der diversen Literaturzeitschriften und -beilagen, die ich aus Leipzig mitgebracht habe und von denen ich mir jede Menge spannende Lektüretipps verspreche, wird wohl noch etwas Zeit in Anspruch nehmen… Damit mein erster Artikel nach so langer Zeit aber nicht allzu kurz und hingeschludert daherkommt, lasse ich euch noch eben an den oben erwähnten literarischen Highlights dieser Woche teilhaben:

Montag war Lesekreis-Tag. Zur Diskussion stand dieses Mal “Der Richter und sein Henker” von Friedrich Dürrenmatt, ein geschickt komponierter Kriminalroman über den alten, todkranken Inspektor Bärlach und seinen Gegenspieler, den Verbrecher Gastmann, den er bereits seit 40 Jahren jagt. Der Plan, den Bärlach schließlich ersinnt, um Gastmann endlich zu überführen, ist ebenso perfide wie zynisch – und hat dieses Buch für mich zu einer spannenden und zugleich hintergründigen Lektüre gemacht.

Am Dienstag hat bei der 8. Pilotenlesung im Nochtspeicher zunächst Katharina Adler das erste Mal aus ihrem gerade entstehenden Roman “Die berühmte Patientin, der ungebetene Biograph, der Außenminister, der Präsident und ich” gelesen – und was man daraus gehört hat, macht definitiv Lust auf mehr. Das gleich gilt auch für den Roman “Vor dem Fest” von Saša Stanišić, Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2014, über den ich im Rahmen der Buchmesse schon viel gelesen und gehört habe. Und da mich diese Lesung höchstens noch mehr davon überzeugt hat, dass ich dieses Buch auf jeden Fall lesen möchte, musste ich es mir natürlich auch gleich noch vor Ort kaufen…

Der Mittwochabend stand schließlich im Zeichen der langen Nacht der ZEIT, die anlässlich der Premiere eines achtseitigen Hamburg-Teils zu zahlreichen, hochkarätigen (und obendrein noch kostenlosen) Veranstaltungen eingeladen hat. Es überrascht vermutlich nicht wirklich, dass ich mir aus dem bunten Angebot ausgerechnet das “Literarische Quartett” ausgesucht habe :) Nicht im ZDF, sondern auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele hat dabei Iris Radisch, Ressortleiterin Feuilleton, gemeinsam mit den ZEIT-Redakteuren Ulrich Greiner und Ijoma Mangold sowie dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, über literarische Neuerscheinungen diskutiert. Gesprochen und mitunter auch heftig debattiert wurde über “Vor dem Fest” von Saša Stanišić (passenderweise), “Das Blutbuchenfest” von Martin Mosebach, “Glücklich die Glücklichen” von Yasmina Reza und “Tagerbücher 2002 – 2012″ von Fritz J. Raddatz. Da ich kein großer Sachbuch- und Biographien-Fan bin, lasse ich den letzten Titel mal außen vor. Von “Vor dem Fest” werde ich mir auf jeden Fall selbst ein Bild machen und mit Yasmina Reza liebäugele ich spätestens seit ich die Verfilmung von “Der Gott des Gemetzels” gesehen habe (mit einem großartigen Christoph Waltz!)… Einzig bei Herrn Mosebach bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich zu diesem Titel greifen werde, denn sein Werk scheint Geschmackssache zu sein – und ich fürchte, mir würden doch so einige Titel einfallen, die mich spontan mehr ansprechen.

Das bringt uns auch schon zum letzten Punkt dieses Beitrags – der steigenden und mittlerweile auch statisch bedenklichen Höhe meines SUBs. Langsam aber sicher frage ich mich, ob es gegen zwanghafte Buchneukäufe auch etwas von Ratiopharm gibt… Aber nun ist das Kind eben in den Brunnen aus Papier und Druckerschwärze gefallen und ich muss zugeben, ich bin schon ziemlich gespannt auf die Lektüre dieser Titel:

SUB-Neuzugänge

“Alice” von Judith Hermann hatte ich bereits mehrfach in der Hand – dieses Mal musste ich einfach zugreifen. “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” von Milan Kundera steht immer mal wieder als potentieller Lesekreis-Titel zur Debatte (und klingt davon abgesehen auch vielversprechend). Von Roger Willemsen und Clemens Meyer habe ich bisher noch nichts gelesen aber schließlich freue ich mich immer über literarische Neuentdeckungen (und außerdem lebt Clemens Meyer in Leipzig, meiner alten Heimat ;)

Zunächst einmal muss ich aber noch “The Particular Sadness of Lemon Cake” ergründen – und wer weiß, vielleicht gibt es ja hier dann sogar bald mal wieder eine Rezension…

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~ Still Missing. Kein Entkommen ~

Nun kommt nach langem Stillschweigen endlich mal wieder eine Rezension – und natürlich erstmal zu einem Titel, den ich schon vor Wochen, wenn nicht gar Monaten gelesen habe. Vermutlich fällt sie deshalb auch etwas kürzer aus, da mein Lese-eindruck nicht mehr wirklich frisch ist und man sich zu solchen Büchern auch irgendwie nur schwer äußern kann. Jedenfalls befand sich „Still Missing“ schon seit geraumer Zeit auf meinem E-Reader, ich hatte gerade kein anderes Buch zur Hand und so führte eins zum anderen. Dazu muss ich sagen, dass ich schon eine ganze Weile keinen Thriller mehr gelesen habe, und dann gleich mit diesem Debüt von Chevy Stevens einzusteigen, war vermutlich etwas gewagt…

In „Still Missing“ erzählt die 32-jährige Protagonistin Annie in einem Monolog, der sich über 26 Therapie-Sitzungen (= Kapitel) erstreckt, von den schier endlosen Monaten, die sie in der Gewalt eines Mannes verbrachte, der sie am hellichten Tag entführt und ihr in einer einsamen, vollkommen isolierten Blockhütte Tag für Tag das Leben zur Hölle gemacht hat. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen – nur so viel: Annies Martyrium ist nichts für schwache Nerven. Ob der speziellen Erzählweise weiß man zwar von Anfang an, dass sie überlebt – doch die Frage nach dem wie und was sie während ihrer Gefangen-schaft erleiden musste, macht es schwer, das Buch wegzulegen. Und selbst nachdem sie ihrem Peiniger entkommen kann, nimmt der Albtraum kein Ende, denn die Hinweise verdichten sich, dass der Psycho, wie sie ihn nur nennt, einen Partner oder Auftraggeber hatte…

Beim Lesen der Geschichte habe ich mich immer wieder gefragt, wie man sich so etwas ausdenken kann… Das ist gar nicht unbedingt negativ gemeint – was Chevy Stevens ihre Protagonistin in jener Hütte durchleiden lässt, ist einfach so unfassbar. Im Gegensatz dazu ist ihr Stil klar und schnörkellos, sie beschönigt das Geschehen nicht, ergeht sich aber auch nicht in reißerischen Beschreibungen – was der Spannung allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Im Wechselspiel zwischen den Rückblicken auf die verstörenden Ereignisse ihrer Gefangenschaft und den Schilderungen der Gegenwart, in der eben jene Ereignisse Annie noch immer verfolgen, entwickelt dieser Thriller einen enormen Sog.

Obwohl ich jedoch – wie bereits gesagt – das Buch (bzw. meinen eReader samt eBook) schwerlich aus der Hand legen konnte, habe ich zugleich das Gefühl, innerlich immer eine gewisse Distanz bewahrt zu haben. Vielleicht weil ich mir nicht vorstellen kann und will, dass so etwas tatsächlich passiert. Unabhängig davon finde ich es jedoch bemerkenswert, dass Chevy Stevens sich eben nicht an der Grausamkeit dessen ergötzt, was ihrer Protagonistin widerfährt, sondern sich darauf konzentriert, authentisch (sofern man davon sprechen kann) und auf eindringlich-packende Weise darzustellen, wie diese Erlebnisse Annie physisch und psychisch gezeichnet haben.

Mit Annie O’Sullivan hat Chevy Stevens dabei eine außerordentlich facettenreiche Protagonistin geschaffen. Einerseits ist sie tough, scharfsinnig und nicht auf den Mund gefallen, andererseits aber auch durch und durch menschlich, verletzlich und keinesfalls unfehlbar. Und gerade weil Annie eine so starke und glaubhafte Persönlichkeit ist, ist es umso erschütternder mitzuerleben, wie zutiefst traumatisiert sie durch das ist, was ihr angetan wurde. Wie sehr sie darum ringt, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – obwohl ihr und dem Leser klar ist, dass sie nie mehr der Mensch sein wird, der sie einmal war.

~ Fazit ~

Ein psychologisch dichter Thriller, der unter die Haut geht und noch lange nachklingt. Einziger Wermutstropfen: Die unerwartete Auflösung, die mich persönlich nicht überzeugt hat – deshalb „nur“ 3,5 Sterne. 

Titel: Still Missing. Kein Entkommen
Autorin: Chevy Stevens
eBook: 416 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-401690-0

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~ Drawing Conclusions ~

So, von meiner Seite aus ist das Experiment “social reading” abgeschlossen. Nachdem ich meinem Kollegen eine ganze Weile Zeit gelassen habe, um aufzuholen, hatte er mir zwischenzeitlich dann doch erlaubt weiterzulesen. Nun bin ich mit meinem ersten Donna Leon Roman durch – darüber, wo mein Kollege sich derzeit in seinem Hörbuch befindet, kann ich nur mutmaßen… Man kann unser Experiment also getrost als gescheitert bezeichnen, wobei das kein Drama ist, denn die Gründe dafür sind wohl ebenso vielfältig wie zielgruppenabhängig. Wenn einer liest (im eigenen Tempo) und einer hört (im tendenziell langsameren Tempo des Sprechers), führt das zwangsläufig zu Diskrepanzen. Hinzu kommt, dass der jeweilige Leserhythmus und die Lesegewohnheiten bei uns beiden wohl doch stärker divergieren, als das bei Jugendlichen im etwa gleichen Alter und in ähnlichen Lebensverhältnissen der Fall wäre. Soviel dazu, nun noch ein paar Worte zum Buch an sich.

Dazu muss man sagen, dass meine starke Krimi-Phase inzwischen schon etwas zurückliegt. Früher habe ich z.B. gern Mary Higgins Clark gelesen oder auch die Thriller von Jilliane Hoffman. Inzwischen hat sich mein Lesespektrum dann doch in eine etwas andere Richtung entwickelt. Und daran hat „Drawing Conclusions“ nichts geändert, denn selbst wenn ich mich der Spannungs-literatur noch einmal zuwenden sollte – dieser Titel von Donna Leon ist definitiv nicht meine Art von Krimi. Bei genauerer Betrachtung würde ich ihn noch nicht einmal als Spannungsliteratur einordnen, einfach weil er für mich in weiten Teilen jeglicher Spannung entbehrt.

Krimis und Thriller müssen für mich echte page-turner sein, mit einer ordentlichen Portion Nervenkitzel und Dramatik, und dafür ist mir die Handlung hier viel zu ruhig dahingeplätschert. Brunetti hangelt sich von einem Gespräch zum nächsten, da wird hier mal ein bisschen geplaudert, dort mal ein etwas schärferer Ton angeschlagen – aber insgesamt, so scheint es mir, schleicht man die meiste Zeit lauernd umeinander herum wie die Katze um die Milch. Das führt dazu, dass sich die Dialoge mehr als einmal etwas zäh gestalten, weil jeder (auf eine mitunter penetrante Weise) darauf bedacht ist, nichts Falsches und nicht zu viel zu sagen, stattdessen ergeht man sich in Andeutungen und Reflexionen. Das ist per se nichts schlechtes, auf Dauer aber doch irgendwie ermüdend.

Hinzu kommt, dass ich mich stellenweise doch etwas verloren fühlte in Hinblick auf das Personal der venezianischen polizia, die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche und Verhältnisse der Kollegen untereinander. Wobei das anders sein mag, wenn man bereits mehrere Romane um Commissario Brunetti gelesen hat (und nicht unbedingt mit dem aktuellsten Titel anfängt). Brunetti selbst ist gar nicht mal unsympathisch, als Ermittler allerdings eher nicht mein Typ. Er hat ja durchauch eine ganz eigene, etwas raubeinige aber nichtsdestotrotz liebenswerte Persönlichkeit, dennoch ist er mir einfach zu oft ein wenig zu phlegmatisch.

Abgesehen davon ging es beim Lesen dieses Romans neben dem Thema „social reading“ ja auch und vor allem darum, eine klassische Whodunnit-Struktur nachzuvollziehen. Und die entwirft Donna Leon zunächst schon ganz geschickt: ein Unfall, der auch ein Mord gewesen sein könnte; verschiedenste Personen, die offenbar mehr wissen, als sie zugeben wollen; Details aus dem Leben des Opfers, die dessen Tod noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen… Leider ist die Auflösung ab einem gewissen Punkt dann aber doch relativ berechenbar und letzten Endes für meinen Geschmack zu wenig konklusiv.

~ Fazit ~

Wer Lust hat auf italienisches Flair und anschauliche Beschreibungen des venezianischen Stadtbildes und nebenbei vielleicht ein wenig Whodunnit sucht, der ist hier richtig – wer echte Spannung möchte, sollte doch eher zu einem Thriller à la Simon Beckett greifen.   

Titel: Drawing Conclusion
Autorin:
Donna Leon
Taschenbuch:
305 Seiten
Verlag:
Arrow Books
ISBN:
978-0-09-955977-1

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Von Freud und Leid des “social reading”…

Bisher ist das “social reading”-Experiment, das mein Kollege und ich gestartet haben, nur bedingt von Erfolg gekrönt. Während ich “Drawing Conclusions” von Donna Leon zügig weggelesen habe (einerseits weil ich gewohnheitsmäßig jedes noch so kleine Zeitfenster zum Schmökern nutze; andererseits weil ich es nicht erwarte kann, endlich nach Zamonien zurückkehren zu können), hängt er bei seinem ungekürzten Hörbuch noch irgendwo in der ersten Hälfte – und hat mir vorerst ein Weiterlese-Verbot erteilt, damit er aufholen kann und vielleicht auch noch mal Gelegenheit zum Teasern hat. Von mir hat er nämlich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder kleine Lektüre-Updates à la “Gelesen: Kapitel 1-4, Vermutungen über den Täter: 0″ bekommen. Ich bin mal gespannt, was er morgen zu berichten hat. (Meine ganz persönlichen Leseeindrücke gibt’s dann – voraussichtlich  - in einer separaten Rezension, d.h. falls ich bis dahin schaffe, den Stapel noch offener Rezensionen endlich mal abzuarbeiten…)

Da in der Realität aber wohl auch die allerwenigsten exakt das gleiche Lesetempo und gleiche Lesegewohnheiten haben, muss es kein Nachteil sein, dass wir gerade (wenn auch unbeabsichtigt) ein Worst-Case-Szenario durchspielen. Immerhin konnte ich die gewonnene Zeit sinnvoll nutzen und fix noch “Unterm Birnbaum” von Theodor Fontane dazwischenschieben, die aktuelle Lesekreis-Lektüre. Allerdings alles kein adäquater Ersatz für Walter Moers – dem ich mich dann aber hoffentlich spätestens am Wochenende wieder zuwenden kann!

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