~ Still Missing. Kein Entkommen ~

Nun kommt nach langem Stillschweigen endlich mal wieder eine Rezension – und natürlich erstmal zu einem Titel, den ich schon vor Wochen, wenn nicht gar Monaten gelesen habe. Vermutlich fällt sie deshalb auch etwas kürzer aus, da mein Lese-eindruck nicht mehr wirklich frisch ist und man sich zu solchen Büchern auch irgendwie nur schwer äußern kann. Jedenfalls befand sich „Still Missing“ schon seit geraumer Zeit auf meinem E-Reader, ich hatte gerade kein anderes Buch zur Hand und so führte eins zum anderen. Dazu muss ich sagen, dass ich schon eine ganze Weile keinen Thriller mehr gelesen habe, und dann gleich mit diesem Debüt von Chevy Stevens einzusteigen, war vermutlich etwas gewagt…

In „Still Missing“ erzählt die 32-jährige Protagonistin Annie in einem Monolog, der sich über 26 Therapie-Sitzungen (= Kapitel) erstreckt, von den schier endlosen Monaten, die sie in der Gewalt eines Mannes verbrachte, der sie am hellichten Tag entführt und ihr in einer einsamen, vollkommen isolierten Blockhütte Tag für Tag das Leben zur Hölle gemacht hat. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen – nur so viel: Annies Martyrium ist nichts für schwache Nerven. Ob der speziellen Erzählweise weiß man zwar von Anfang an, dass sie überlebt – doch die Frage nach dem wie und was sie während ihrer Gefangen-schaft erleiden musste, macht es schwer, das Buch wegzulegen. Und selbst nachdem sie ihrem Peiniger entkommen kann, nimmt der Albtraum kein Ende, denn die Hinweise verdichten sich, dass der Psycho, wie sie ihn nur nennt, einen Partner oder Auftraggeber hatte…

Beim Lesen der Geschichte habe ich mich immer wieder gefragt, wie man sich so etwas ausdenken kann… Das ist gar nicht unbedingt negativ gemeint – was Chevy Stevens ihre Protagonistin in jener Hütte durchleiden lässt, ist einfach so unfassbar. Im Gegensatz dazu ist ihr Stil klar und schnörkellos, sie beschönigt das Geschehen nicht, ergeht sich aber auch nicht in reißerischen Beschreibungen – was der Spannung allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Im Wechselspiel zwischen den Rückblicken auf die verstörenden Ereignisse ihrer Gefangenschaft und den Schilderungen der Gegenwart, in der eben jene Ereignisse Annie noch immer verfolgen, entwickelt dieser Thriller einen enormen Sog.

Obwohl ich jedoch – wie bereits gesagt – das Buch (bzw. meinen eReader samt eBook) schwerlich aus der Hand legen konnte, habe ich zugleich das Gefühl, innerlich immer eine gewisse Distanz bewahrt zu haben. Vielleicht weil ich mir nicht vorstellen kann und will, dass so etwas tatsächlich passiert. Unabhängig davon finde ich es jedoch bemerkenswert, dass Chevy Stevens sich eben nicht an der Grausamkeit dessen ergötzt, was ihrer Protagonistin widerfährt, sondern sich darauf konzentriert, authentisch (sofern man davon sprechen kann) und auf eindringlich-packende Weise darzustellen, wie diese Erlebnisse Annie physisch und psychisch gezeichnet haben.

Mit Annie O’Sullivan hat Chevy Stevens dabei eine außerordentlich facettenreiche Protagonistin geschaffen. Einerseits ist sie tough, scharfsinnig und nicht auf den Mund gefallen, andererseits aber auch durch und durch menschlich, verletzlich und keinesfalls unfehlbar. Und gerade weil Annie eine so starke und glaubhafte Persönlichkeit ist, ist es umso erschütternder mitzuerleben, wie zutiefst traumatisiert sie durch das ist, was ihr angetan wurde. Wie sehr sie darum ringt, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – obwohl ihr und dem Leser klar ist, dass sie nie mehr der Mensch sein wird, der sie einmal war.

~ Fazit ~

Ein psychologisch dichter Thriller, der unter die Haut geht und noch lange nachklingt. Einziger Wermutstropfen: Die unerwartete Auflösung, die mich persönlich nicht überzeugt hat – deshalb „nur“ 3,5 Sterne. 

Titel: Still Missing. Kein Entkommen
Autorin: Chevy Stevens
eBook: 416 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-401690-0

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~ Drawing Conclusions ~

So, von meiner Seite aus ist das Experiment “social reading” abgeschlossen. Nachdem ich meinem Kollegen eine ganze Weile Zeit gelassen habe, um aufzuholen, hatte er mir zwischenzeitlich dann doch erlaubt weiterzulesen. Nun bin ich mit meinem ersten Donna Leon Roman durch – darüber, wo mein Kollege sich derzeit in seinem Hörbuch befindet, kann ich nur mutmaßen… Man kann unser Experiment also getrost als gescheitert bezeichnen, wobei das kein Drama ist, denn die Gründe dafür sind wohl ebenso vielfältig wie zielgruppenabhängig. Wenn einer liest (im eigenen Tempo) und einer hört (im tendenziell langsameren Tempo des Sprechers), führt das zwangsläufig zu Diskrepanzen. Hinzu kommt, dass der jeweilige Leserhythmus und die Lesegewohnheiten bei uns beiden wohl doch stärker divergieren, als das bei Jugendlichen im etwa gleichen Alter und in ähnlichen Lebensverhältnissen der Fall wäre. Soviel dazu, nun noch ein paar Worte zum Buch an sich.

Dazu muss man sagen, dass meine starke Krimi-Phase inzwischen schon etwas zurückliegt. Früher habe ich z.B. gern Mary Higgins Clark gelesen oder auch die Thriller von Jilliane Hoffman. Inzwischen hat sich mein Lesespektrum dann doch in eine etwas andere Richtung entwickelt. Und daran hat „Drawing Conclusions“ nichts geändert, denn selbst wenn ich mich der Spannungs-literatur noch einmal zuwenden sollte – dieser Titel von Donna Leon ist definitiv nicht meine Art von Krimi. Bei genauerer Betrachtung würde ich ihn noch nicht einmal als Spannungsliteratur einordnen, einfach weil er für mich in weiten Teilen jeglicher Spannung entbehrt.

Krimis und Thriller müssen für mich echte page-turner sein, mit einer ordentlichen Portion Nervenkitzel und Dramatik, und dafür ist mir die Handlung hier viel zu ruhig dahingeplätschert. Brunetti hangelt sich von einem Gespräch zum nächsten, da wird hier mal ein bisschen geplaudert, dort mal ein etwas schärferer Ton angeschlagen – aber insgesamt, so scheint es mir, schleicht man die meiste Zeit lauernd umeinander herum wie die Katze um die Milch. Das führt dazu, dass sich die Dialoge mehr als einmal etwas zäh gestalten, weil jeder (auf eine mitunter penetrante Weise) darauf bedacht ist, nichts Falsches und nicht zu viel zu sagen, stattdessen ergeht man sich in Andeutungen und Reflexionen. Das ist per se nichts schlechtes, auf Dauer aber doch irgendwie ermüdend.

Hinzu kommt, dass ich mich stellenweise doch etwas verloren fühlte in Hinblick auf das Personal der venezianischen polizia, die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche und Verhältnisse der Kollegen untereinander. Wobei das anders sein mag, wenn man bereits mehrere Romane um Commissario Brunetti gelesen hat (und nicht unbedingt mit dem aktuellsten Titel anfängt). Brunetti selbst ist gar nicht mal unsympathisch, als Ermittler allerdings eher nicht mein Typ. Er hat ja durchauch eine ganz eigene, etwas raubeinige aber nichtsdestotrotz liebenswerte Persönlichkeit, dennoch ist er mir einfach zu oft ein wenig zu phlegmatisch.

Abgesehen davon ging es beim Lesen dieses Romans neben dem Thema „social reading“ ja auch und vor allem darum, eine klassische Whodunnit-Struktur nachzuvollziehen. Und die entwirft Donna Leon zunächst schon ganz geschickt: ein Unfall, der auch ein Mord gewesen sein könnte; verschiedenste Personen, die offenbar mehr wissen, als sie zugeben wollen; Details aus dem Leben des Opfers, die dessen Tod noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen… Leider ist die Auflösung ab einem gewissen Punkt dann aber doch relativ berechenbar und letzten Endes für meinen Geschmack zu wenig konklusiv.

~ Fazit ~

Wer Lust hat auf italienisches Flair und anschauliche Beschreibungen des venezianischen Stadtbildes und nebenbei vielleicht ein wenig Whodunnit sucht, der ist hier richtig – wer echte Spannung möchte, sollte doch eher zu einem Thriller à la Simon Beckett greifen.   

Titel: Drawing Conclusion
Autorin:
Donna Leon
Taschenbuch:
305 Seiten
Verlag:
Arrow Books
ISBN:
978-0-09-955977-1

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Von Freud und Leid des “social reading”…

Bisher ist das “social reading”-Experiment, das mein Kollege und ich gestartet haben, nur bedingt von Erfolg gekrönt. Während ich “Drawing Conclusions” von Donna Leon zügig weggelesen habe (einerseits weil ich gewohnheitsmäßig jedes noch so kleine Zeitfenster zum Schmökern nutze; andererseits weil ich es nicht erwarte kann, endlich nach Zamonien zurückkehren zu können), hängt er bei seinem ungekürzten Hörbuch noch irgendwo in der ersten Hälfte – und hat mir vorerst ein Weiterlese-Verbot erteilt, damit er aufholen kann und vielleicht auch noch mal Gelegenheit zum Teasern hat. Von mir hat er nämlich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder kleine Lektüre-Updates à la “Gelesen: Kapitel 1-4, Vermutungen über den Täter: 0″ bekommen. Ich bin mal gespannt, was er morgen zu berichten hat. (Meine ganz persönlichen Leseeindrücke gibt’s dann – voraussichtlich  - in einer separaten Rezension, d.h. falls ich bis dahin schaffe, den Stapel noch offener Rezensionen endlich mal abzuarbeiten…)

Da in der Realität aber wohl auch die allerwenigsten exakt das gleiche Lesetempo und gleiche Lesegewohnheiten haben, muss es kein Nachteil sein, dass wir gerade (wenn auch unbeabsichtigt) ein Worst-Case-Szenario durchspielen. Immerhin konnte ich die gewonnene Zeit sinnvoll nutzen und fix noch “Unterm Birnbaum” von Theodor Fontane dazwischenschieben, die aktuelle Lesekreis-Lektüre. Allerdings alles kein adäquater Ersatz für Walter Moers – dem ich mich dann aber hoffentlich spätestens am Wochenende wieder zuwenden kann!

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[Lesekreis] ~ Der Vorleser ~

Unter den sechs Büchern, die ich vor „Kain“ gelesen habe, finden sich auch sage und schreibe vier Lesekreis-Titel. Und da ich gerade an dieser Front in letzter Zeit ziemlich nachlässig gewesen bin, was das Verfassen von Rezensionen betrifft, freut es mich, dass ich nun immerhin eine erste Lesekreis-Rezension nachliefern kann. Zumal “Der Vorleser” von Bernhard Schlink für mich eines der besten Bücher, wenn nicht gar das beste Buch war, das wir bisher gelesen haben.

Die Geschichte wird vielen wohl spätestens seit der (sehr sehenswerten) Verfilmung mit Kate Winslet und Ralph Fiennes bekannt sein, deshalb will ich sie hier nur kurz umreißen. „Der Vorleser“ aus Bernhard Schlinks gleichnamigen Roman ist Michael Berg, der im Alter von 15 Jahren die zwanzig Jahre ältere Straßen-bahnschaffnerin Hanna kennenlernt. Mit ihr verbindet ihn bald eine ebenso leidenschaftliche wie komplizierte Beziehung, in der Bücher insofern eine besondere Rolle spielen, als dass Hanna regelrecht aufblüht, während Michael ihr vor dem eigentlichen Liebesakt mitunter stundenlang vorliest. Dieser intimen Unbeschwertheit steht jedoch Hannas verschwiegene, oftmals auch reizbare Art gegenüber, die Michael mehr als einmal verzweifeln lässt. Und eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Erst Jahre später sieht Michael, inzwischen Jurastudent, sie schließlich wieder – als Angeklagte in einem Auschwitz-Prozess.

So vieles ist bemerkenswert an diesem Roman, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit den Protagonisten, Michael und Hanna, die ebenso faszinierend wie zwiespältig sind? Mit der unkonventionellen, vielleicht sogar moralisch fragwürdigen Liebesgeschichte, die zwar nur einen Sommer andauert, Michael jedoch – wie sich herausstellen wird – bis ins Erwachsenen-alter prägt? Oder mit Michaels Schilderung des Prozesses gegen Hanna, in dessen Verlauf er schließlich den Grund für ihr oft unerklärliches, erratisches Verhalten erkennt? Eigentlich ist es egal, wo ich beginne, denn eine beeindrucke Leistung Schlinks besteht darin, dass er die „kleinen“ persönlichen Dramen konsequent in Beziehung setzt zum „großen“ Drama der 50er und 60er Jahre in Deutschland, dem allgemeinen Schweigen und Verdrängen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des erwachsenen Michaels, der hin und her gerissen ist zwischen seinen Gefühlen für Hanna, die selbst nach all den Jahren nicht völlig erloschen sind, und seiner Fassungslosigkeit darüber, dass er eine Verbrecherin geliebt hat. Selbst über den Prozess hinaus lässt ihn ihre Geschichte nicht los, sodass er schließlich noch einmal die Rolle des Vorlesers einnimmt, indem er der zu lebenslanger Haft verurteilten Hanna selbst besprochene Kassetten ins Gefängnis schickt. Zu einem Besuch kann er sich jedoch nicht durchringen, zu tief haben ihn ihre pragmatisch-kühlen Schilderungen der Vorgänge in Auschwitz verstört, zu ambivalent sind seine Gefühle für diese rätselhafte Frau.

Auch als Leser fällt es schwer, sich ein Bild von Hanna zu machen. Während sie einerseits auf eine ruppige Art durchaus liebevoll und fürsorglich sein kann, scheint sie gleichzeitig keinerlei Gefühl dafür zu haben, welch unfassbare Schuld sie auf sich geladen hat. Im Gegenteil, sie nimmt nach kurzem Zögern schließlich sogar noch die Schuld ihrer Mitangeklagten auf sich. Und alles nur, damit niemand erfährt, dass sie Analphabetin ist. Scham und Angst, das jemand hinter ihr Geheimnis kommen könnte, haben offenbar ihr ganzes Leben bestimmt. Das ändert nichts daran, dass Hanna eine extrem zwiespältigt Person ist, macht sie aber für michzu einer mindestens ebenso tragischen Gestalt wie Michael.

Bei all diesen emotionalen und moralischen Verstrickungen entwickelt Bernhard Schlinks Roman wiederum gerade durch die Reduziertheit und Knappheit seiner Sprache einen ganz eigenen Sog. Wodurch ihm auf beachtenswerte Weise zugleich das scheinbar Unmögliche gelingt – ohne Partei für eine Seite zu ergreifen aber auch ohne zu verurteilen, wirft sein Roman immer wieder Fragen auf, nach der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, nach persönlicher Schuld, nach Verantwortung für sich selbst und andere. Antworten liefert Schlink jedoch keine. Und das ist gut so – denn wie sagte schon der alte Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

~ Fazit ~

Ein auf sonderbare Weise ergreifender Roman über Schuld und Verantwortung, der sich sprachlich auf das Wesentliche beschränkt und vielleicht gerade deshalb so unter die Haut geht.   

Titel: Der Vorleser
Autor: Bernhard Schlink
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257229530

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Buch-Post!

Gibt es etwas Schöneres als übers Wochenende unterwegs gewesen zu sein, nach Hause zu kommen und dort ein prall gefülltes Buchpaket zu finden? Zugegeben, in Anbetracht der Tatsache, dass ich immer noch mit sechs Rezensionen im Rückstand liege, könnten weitere SuB-Zugänge auch kontra-produktiv sein… Aber es nützt ja alles nichts: Sofern man nicht gerade mit geschlossenen Augen durchs Leben geht, stolpert man einfach an allen Ecken und Enden über spannende Bücher… Ganz konkret handelt es sich beim Inhalt meines Päckchens um die folgenden Titel (wobei die abgebildete Reihenfolge absolut willkürlich ist):

E.L. James – „Fifty Shades of Grey“

Ja, ich weiß, „Fifty Shades of Grey“ hat mit Literatur ungefähr so viel zu tun wie eine Shakespeare-Tragödie mit einem dieser Groschenromane aus der Bahnhofsbuchhandlung. Aber ich habe inzwischen so viel davon gelesen und gehört, dass mich doch die Neugier gepackt hat und ich mir einfach selbst ein Bild machen will. Mut zum Schund – ich werde ja sehen, was ich davon hab… ;)

Javier Marías – „Morgen in der Schlacht denk an mich“

Auf diesen spanischen Autor bin ich auf der Leipziger Buchmesse über sein neustes Buch „Die sterblich Verliebten“ aufmerksam geworden. Da diese Neuerscheinung in der Bibliothek allerdings dauerentliehen ist und ich teure HC-Ausgaben generell nur zögerlich kaufe, dachte ich mir: Mache ich mir doch einfach anhand eines älteren Titels ein erstes Bild vom hochgelobten Stil des Autors.

Donna Leon – „Drawing Conclusions“

Dieser Titel fällt in die Kategorie „berufsbedingte Pflichtlektüre“. Für ein angedachtes Projekt soll ich mich mit klassischen Krimistrukturen beschäftigen, gleichzeitig geht es dabei aber auch ums Thema „social reading“. Warum dann nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, meinte der Kollege, mit dem ich an diesem Projekt arbeite, und schauen, wie gut gemeinsames Lesen in der Praxis tatsächlich funktioniert? Also haben wir spontan beschlossen, den neusten Roman von Donna Leon parallel zu lesen, regelmäßiger Austausch über den Lesefortschritt, Vermutungen über den Täter und neckische Teaser inklusive.

Wie lange kann ich wohl meinen Kollegen zum schnelleren Lesen drängen (oder er mich), bis er das Buch entnervt in die Ecke oder mir an den Kopf wirft? Wo hört ein Teaser auf und wo fängt ein Spoiler an? Und war es am Ende wirklich immer der Gärtner? Ich werde euch an dieser Stelle über den Verlauf unseres Experiments auf dem Laufenden halten :)

Und als würde dieses Päckchen nicht genug Lesestoff bieten, habe ich es heute bei der Rückgabe zweier entliehener Bücher natürlich auch nicht geschafft, die Bibliothek wirklich mit leeren Händen zu verlassen:

Paul Ingendaay habe ich im Rahmen einer Lesung beim Harbourfront Literaturfestival 2011 kennengelernt, wo er seinen Roman „Die romantischen Jahre“ vorgestellt hat (der schon sehr vielversprechend klang). „Warum du mich verlassen hast“ erzählt quasi die Vorgeschichte des Protagonisten aus “Die romantischen Jahre”. Es sei kein Muss, aber dennoch werde ich wohl am Anfang anfangen.

Dummerweise ist Ingendaay leider nicht der einzige Bibliotheks-Titel, der noch darauf wartet, gelesen zu werden… Ich hätte da auch noch José Saramagos „Der Doppelgänger“ und Alice Sebolds „The Lovely Bones“ im Angebot. Es ist doch immer das gleiche Trauerspiel: so viele Bücher und so wenig Zeit…

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~ Kain ~

Bisher werden die Abstände zwischen meinen Rezensionen zugegebenermaßen noch nicht wirklich kürzer… Wohingegen die Liste der Bücher, die ich zwischen-zeitlich gelesenen habe, immer länger wird :( Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, bei den noch offenen Rezensionen chronologisch vorzugehen, kommt nun doch diese zuerst, da ich „Kain“ gerade ausgelesen habe, die Eindrücke noch entsprechend frisch sind und mir diese Rezension schnell von der Hand ging. Aber wie gesagt/ geschrieben: Ich bemühe mich, auch die Rezensionen zu den übrigen Titeln baldmöglichst nachzureichen!

Ein Grund dafür, dass sich die Rezension zum neuen Titel von José Saramago so leicht geschrieben hat, mag darin liegen, dass der leider 2010 verstorbene portugiesische Nobelpreisträger definitiv zu meinen Lieblingsautoren gehört. Ich habe bereits mehrere Bücher von ihm gelesen und bin großer Fan seines ganz speziellen, „saramagischen“ Stils und auch seines mitunter an Blasphemie grenzenden Atheismus. Dementsprechend begeistert war ich, als ich letztes Jahr in den ausgewählten Neuerscheinungen von Ada Mitsou den neusten (und letzten) Roman von Saramago entdeckte: „Kain“. Wunderbar, dachte ich, eine weitere ironisch-kritische Auseinandersetzung mit der christlichen Religion. Doch auch wenn man „Kain“ durchaus als konsequente Fortsetzung von „The Gospel According to Jesus Christ“ lesen kann, hat der Roman mich leider nicht komplett überzeugt…

Wie schon im „Gospel“ präsentiert uns Saramago auch hier wieder seine ganz eigene Version der biblischen Geschichte. An der Seite des Brudermörders Kain reist der Leser an verschiedenste Schauplätze des Alten Testaments. Dabei ist Kain jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift auch aktiv in das jeweilige Geschehen ein. So wird er u.a. zum Liebhaber der verführerischen Lilith, hält Abraham davon ab, seinen Sohn Isaak zu opfern, und gehört zu jenen Botschaftern, die dem von Gott auf die Probe gestellten Hiob eine furchtbare Nachricht nach der anderen überbringen. Und während er wieder und wieder Zeuge von Elend und Grausamkeit wird – verursacht entweder im Namen des Herren oder gar der Durchsetzung seines Willens geschuldet – , lässt Kain kaum eine Gelegenheit aus, um seine Zweifel an der “göttlichen Vernunft” zu artikulieren.

Besonders brisant gestaltet sich dies, wenn ihm sein “Gegenspieler”, der Herr höchstselbst, direkt gegenübersteht. Die resultierenden Dialoge sind zumeist nicht nur sehr unterhaltsam (z. B. wenn Kain den Herren unumwunden darauf hinweist, dass seine Berechnungen bezüglich der Arche falsch sind), sie verraten dem Leser auch einmal mehr viel über Saramagos Sicht auf die Religion im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Speziellen. Wie so oft bleiben die anderen Charaktere neben dem Protagonisten dabei eher flach, und auch die Persönlichkeit des Allmächtigen stellt sich erwartungsgemäß recht eindimensional dar. Gleichzeitig kann man jedoch festhalten, dass auch Kain kein Kind von Traurigkeit ist, sondern in sich selbst und damit auch in seiner Rolle als Ankläger ein durchaus zwiespältiger Charakter – was dem Text zusätzliche Tiefe verleiht.

Vom Stil her ist „Kain“ insofern ein typischer Saramago, als dass Interpunktion nur eine untergeordnete Rolle spielt und der Text geprägt ist durch den vertrauten, blasphemisch-spöttelnden Ton. Irgendein Zeichen von Altersmilde sucht man vergebens, im Gegenteil – in diesem Roman wird Saramagos spezieller Humor von einem ordentlichen Schuss Boshaftigkeit begleitet. Und vielleicht ist es genau das, was mich stört. Hier werden verschiedene Anekdoten willkürlich aneinander gereiht, verbunden allein durch den Zweck, die göttliche Allmacht um jeden Preis ad absurdum zu führen. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, ich weiß ein gewisses Maß an Provokation durchaus zu schätzen, und auch diese Form der Religionskritik hat ihre Berechtigung. Dennoch hatte das Ringen mit einem allmächtigen aber eben auch fehlbaren, grausamen und selbstgerechten Gott im „Gospel“ meines Erachtens noch eine stärker philosophische Qualität, während mir bei „Kain“ einfach zu oft zu viel Schadenfreude mitschwingt.

~ Fazit ~

Ein ebenso unterhaltsames wie tiefgründiges Werk, das sprachlich und stilistisch zu überzeugen weiß, für meinen Geschmack jedoch gut etwas weniger Boshaftigkeit vertragen hätte. 

Titel: Kain
Autor: José Saramago
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-40295-7

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~ Before I Fall ~

Nachdem es hier eine Weile ziemlich still war, werde ich mich nun bemühen, sukzessive endlich die Rezensionen zu den Büchern nachzutragen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Wer meinen Blog schon etwas länger verfolgt weiß, dass ich den ersten zu rezensierenden Titel „Before I Fall“ vor einiger Zeit sogar schon einmal erwähnt habe, in der Rezension zu „Seven Souls“. Und tatsächlich bietet sich nun, da ich „Before I Fall“ gelesen habe, der Vergleich mit „Seven Souls“ nicht nur an, er zwingt sich förmlich auf. Denn es hat sich herausgestellt, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag: Ich wäre mit „Before I Fall“ damals schon besser bedient gewesen. Und das liegt nicht nur daran, dass „Seven Souls“ kein literarischer Hit war, sondern vor allem daran, dass „Before I Fall“ in der Grundanlage zwar ähnlich, in der Umsetzung aber um Längen besser und „authentischer“ ist.

Sam Kingston, die Protagonistin des Debütromans von Lauren Oliver, ist im Grunde ein ganz normales Mädchen und lebt ein typisch amerikanisches Teenager-Leben. Sie ist beliebt, hat drei enge Freundinnen und ist mit dem begehrtesten Typen der Schule zusammen. Bei alledem ist Sam im ersten Moment jedoch trotzdem nicht gerade das, was man unter einem liebenswerten Charakter versteht, im Gegenteil – um ihrer Rolle gerecht zu werden, kann sie auch reichlich oberflächlich, zickig und herablassend sein. Allerdings ist sie bei Weitem nicht so unsympathisch wie Mary Shayne, die Protagonistin aus „Seven Souls“, denn es wird relativ schnell deutlich, dass Sam nicht immer diesen Stand in der Highschool hatte. Auch sie gehörte einmal zu den Außenseitern – und ein Großteil ihres Verhaltens ist offensichtlich ihrer Angst geschuldet, wieder in diese Rolle zu geraten. Das rechtfertigt ihr Verhalten natürlich nicht, macht es aber zumindest ein Stück weit nachvollziehbar. Oft ist man ja schnell damit, andere zu verurteilen und vergisst darüber leicht, was man vielleicht selbst bereit ist zu tun, um gemocht und geliebt zu werden. Und Lauren Oliver lässt ihre Protagonistin auch ganz bewusst den Finger auf diese Wunde legen:

„Before you start pointing fingers, let me ask you: is what I did really so bad? So bad I deserved to die? So bad I deserved to die like that? Is what I did really so much worse than what anybody else does? Is it really so much worse that what you do? Think about it.“

Eine stürmische und verregnete Nacht verändert schließlich alles. Auf der Rückfahrt von einer Party kommt es zu einem Autounfall, bei dem Sam stirbt. Um Morgen für Morgen am selben Tag wieder in ihrem Bett aufzuwachen… Sieben Mal durchlebt Sam jenen schicksalhaften Tag, um letzten Endes zu der Erkenntnis zu gelangen, dass es für all das vielleicht einen Grund gibt und – Vorsicht, Spoiler! – dass sie doch noch ein Leben retten kann, wenn auch nicht ihr eigenes.

Man könnte meinen, dass es dabei irgendwann langweilig wird, wieder und wieder die Geschichte des selben Tages zu lesen. Doch es ist eben nicht jedes Mal die gleiche Geschichte. Denn Lauren Oliver schildert auf eindringliche und – wenn man davon sprechen kann – authentische Art und Weise, wie Sams Wahrnehmung und ihr Umgang mit der Situation sich Stück für Stück verändern: vom anfänglichen Leugnen und Nicht-wahr-haben-wollen über Wut und verzweifelte Versuche, den Ausgang des Tages zu ändern, bis hin zu tiefer Traurigkeit und Bedauern über Dinge, die man (nicht) gesagt oder getan hat. Ein wenig hat mich das an die vier Phasen des Trauerprozesses nach Verena Kast erinnert. Und so wie diese Trauerphasen eine Entwicklung beschreiben, wächst auch Sam an dem, was sie er- und durchlebt. Sie beginnt nicht nur ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, sie muss auch auf schmerzhafte Weise lernen, welche Konsequenzen selbst unbedachte Handlungen haben können.

Als Leser wird man dabei immer wieder damit konfroniert, wie schwer es manchmal ist, sich selbst nicht zu verlieren bei dem Versuch, den Erwartungen und Ansprüchen jener Menschen gerecht zu werden, die man liebt. Denn letzten Endes bestätigt sich, was sich zuvor bereits angedeutet hat, nämlich dass Sam längst nicht nur das oberflächliche, selbstgefällige It-Girl ist, sondern dass sie auch ein ganz anderer Mensch sein kann: selbstkritisch, unsicher, verletzlich. Und was für Sam gilt, gilt in abgeschwächtem Maße auch für ihre besten Freundinnen Lindsay, Elody und Ally, die zwar durchaus das ein oder andere Klischee bedienen, dabei aber dennoch wesentlich überzeugendere und vielschichtigere Charaktere sind als ihre Gegenstücke in „Seven Souls“. Und das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich „Before I Fall“ ganz klar für den gelungeneren Roman halte. Während „Seven Souls“ im Grunde nicht über die Schilderung von Missgunst, Hass und bestenfalls fragwürdigen Racheplänen hinausgeht, erzählt Lauren Oliver mit viel Gefühl die tragische Geschichte eines Mädchens, das erst im Angesicht des Todes begreift, was im Leben wirklich wichtig ist.

~ Fazit ~

Ein bewegendes Buch, das im Grunde an eine altvertraute Weisheit erinnert, die jeder kennt und doch die wenigsten befolgen: Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre.   

Titel: Before I Fall
Autorin: Lauren Oliver
E-Book: 277 Seiten
Verlag: Hodder & Stoughton
ISBN: 978-1-848-947139

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