~ Die Unperfekten ~

Es hat etwas länger gedauert als geplant, aber da ich inzwischen schon beim nächsten Buch bin (José Saramagos „The Gospel According to Jesus Christ“), ist es höchste Zeit, Tom Rachmans Roman „Die Unperfekten“ noch einmal Revue passieren zu lassen. (Darauf aufmerksam geworden bin ich, glaube ich, durch meine Mitbewohnerin Rike, die dann auch so lieb war, es mir auszuleihen – daher an dieser Stelle ein großes Dankeschön an sie🙂

Zunächst ein paar Worte zur speziellen Struktur des Romans: Pro Kapitel erhält der Leser jeweils einen Einblick in das Leben einzelner Mitarbeiter und Menschen, die mit der Zeitung zu tun haben. Die Kapitel starten in medias res und auch das Ende bleibt – mal mehr, mal weniger – offen (allerdings gibt es am Ende des Buches eine Art Abspann, in dem kurz berichtet wird, wie es den einzelnen Charakteren weiter ergangen ist). Mir gefiel, dass es immer wieder Querverweise gab, d.h. hier und da werden Personen der vorangegangenen Kapitel erwähnt bzw. Personen, die später noch die Hauptrolle eines eigenen Kapitels übernehmen. Ich hatte außerdem den Eindruck, dass die Kapitelüberschriften, die Nachrichten-Headlines, mitunter auch einen gewissen Bezug zum Inhalt, also zum Leben der Protagonisten, haben. Ging das nur mir so? (Besonders stark war dieses Gefühl z.B. bei Hardy Benjamin.) Den Schluss der Kapitel bildet dann jeweils ein kursiv gedruckter Teil, in dem – losgelöst von den einzelnen Charakteren – über den Werde- und schließlich Untergang der Zeitung berichtet wird.

Und was nimmt man nun aus der Lektüre der Unperfekten mit?

Meine Güte, Zeitung machen ist ein hartes Business! Okay, im digitalen Zeitalter ist diese Einsicht nicht unbedingt brandneu, aber in diesem Buch stellt sie sich besonders eindringlich am Schicksal der traurigen Existenzen der verschiedenen Zeitungsschaffenden dar.

Der abgehalfterte Auslandkorrespondent Lloyd Burko aus Paris, für den der Zug abgefahren ist, und der sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.

Arthur Gopal, für den nach einem tragischen Schicksalsschlag die Arbeit alles ist, was bleibt – und der sich im Verlauf auf eine für ihn eigentlich sehr untypische, hinterlistige Art schließlich sogar eine Beförderung erschleicht.

Hardy Benjamin, die sich aus Angst vor einem Dasein als alte Jungfer Hals über Kopf in eine Beziehung mit einem jungen Mann stürzt, der sie doch nur ausnutzt.

Die resolute Chefredakteurin Kathleen Solson, die ihr Privatleben nur scheinbar fest im Griff hat.

Doch bei allem Elend waren Rachmans Charakter für mich nie pathetisch, sondern einfach nur sehr unzufrieden, sehr traurig, sehr einsam – aber vor allem: sehr menschlich. Sie sind keine eindimensionalen Figuren, sondern echte Persönlichkeiten, unperfekt, mit Ecken und Kanten. Manchmal nerven sie (Ruby mit ihrem ständigen Gefluche), manchmal möchte man sie schütteln und anschreien: „Lass das doch nicht mit dir machen!“ (Winston, der Möchtegern-Auslandskorrespondent). Besonders bei Craig Menzies fiel es mir schwer, zu entscheiden, ob und wie viel Mitleid er verdient. Mit seiner ruhigen Art ist er vermutlich der sympathischste Mitarbeiter der Zeitung, dessen Unsicherheit und Einsamkeit mitunter wirklich herzzerreißend sind. Und doch, trägt er nicht ein Stück weit auch selbst Schuld an dem Elend, das über ihn hereinbricht? Zählt Annika als Person? Liebt er sie tatsächlich oder braucht er sie nur, als Mittel zum Zweck gegen seine Einsamkeit?

Jedes Kapitel, jede Episode des Romans hat ihren eigenen kleinen Höhepunkt bzw. sollte man es vielleicht eher Tiefpunkt nennen. Und gegen Ende hin werden die Schicksale, wie mir scheint, immer tragischer, die Aussichten immer düsterer. Eine Abwärtsspirale, die den Leser – vielleicht fast schon von einem Hauch Voyeurismus getragen – mit sich zieht. Dabei hilft auch Rachmans faszinierender Stil: einerseits ruhig und distanziert, andererseits auch immer wieder komisch bis skurril beschreibt er seine Protagonisten, sodass unerwartete Wendungen den Leser zumeist kalt erwischen (wobei man gegen Ende vielleicht langsam ein Gefühl dafür bekommt, in welche Richtung das Geschehen kippen könnte).

„Die Unperfekten“ ist für mich kein reiner Journalisten-, sondern und vor allem ein tiefsinniger Episodenroman, der dem Leser die verschiedensten Lebensentwürfe (und ihr Scheitern) vor Augen führt, Einsamkeit und Unsicherheit, die an den Charakteren nagen, zwischenmenschliche Beziehungen auf dem Prüfstand. Trotzdem sind Rachmans Charaktere natürlich insofern Zeitungsmenschen, als dass sie fast alle immer wieder voller Leidenschaft über die Zeitung, Kollegen, die Situation der Medien im Allgemeinen schimpfen. Doch obwohl beinahe jeder Mitarbeiter betont, wie ihn seine Arbeit anödet, ist für fast alle die Zeitung Mittelpunkt ihres Lebens, die Redaktion ihr Fels in der Brandung, an den sie sich klammern, während Lebensträume bröckeln und ins Wanken geraten. Und so wie die Zeitung ihrem Untergang entgegen schlittert, bewegen sich auch die Leben der einzelnen Mitarbeiter in einer nicht enden wollenden Abwärtsschleife auf immer neue Tiefpunkte zu.

~ Fazit ~ 

„Die Unperfekten“ ist ein sehr gutes Buch aber auch ein traurig-melancholisches. Das Leben der einzelnen Charaktere geht weiter (so mancher bleibt im Journalismus, andere sind froh, die hart umkämpfte, schnelllebige Welt der Medien hinter sich zu lassen), doch der letztendliche Untergang der Zeitung, flankiert von den zahlreichen Tiefschlägen im Leben der einzelnen Mitarbeiter, hinterlässt – zumindest bei mir – einen bittersüßen Nachgeschmack.   

Titel: Die Unperfekten
Autor: Tom Rachman
Originaltitel: The Imperfectionists
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: dtv
ISBN: 978-3423248211

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