~ Die Landkarte der Zeit ~

Dieser zweite Titel auf meiner Urlaubslektüreliste war in vielerlei Hinsicht das komplette Kontrastprogramm zu Saramago, damit allerdings auch das perfekte Strand-Lesefutter!

Der in drei Teile gegliederte Roman spielt vorwiegend im London des 19. Jahrhunderts und erzählt von Andrew Harrington, dessen Geliebte, die Prostituierte Marie, von Jack the Ripper ermordet wurde; von Claire Haggerty, die mit ihrem Leben im – wie sie findet – langweiligen und engstirnigen viktorianischen London nicht glücklich ist und sich in einen Mann aus der Zukunft verliebt; von Inspektor Garrett, der drei mysteriöse Morde aufzuklären hat, verübt mit Waffen, die noch gar nicht erfunden wurden… Im letzten Teil des Romans spielt jedoch vor allem H.G. Wells, der auch in den ersten beiden Teilen im wieder auftritt, eine zentrale Rolle. Und das Schicksal all dieser Charaktere ist auf die eine oder andere verbunden mit der Agentur für Zeitreisen Murray, die Reisen in die vierte Dimension organisiert…

Diesmal möchte ich inhaltlich allerdings lieber gar nicht so viel vorweg nehmen, nur so viel sei gesagt: Bei Félix J. Palma ist kaum etwas so, wie es zunächst scheint… Das kann manchmal etwas ernüchternd sein (erster Teil), führt aber auch zu den verrücktesten Verwicklungen (zweiter Teil) und gipfelt in einem fulminanten Finale (dritter Teil).

Besondere Beachtung verdient dabei Palmas Stil: manchmal etwas schwülstig mit recht langen Sätzen, liest er sich nichtsdestotrotz flüssig und passt einfach perfekt ins viktorianische England. Hinzu kommt, dass Palma für mich ein Erzähler der alten Schule ist. Wie zu Zeiten, als Geschichten noch nicht schriftlich festgehalten, sondern erzählend weitergegeben wurden, schweift der Erzähler auch hier immer wieder ab, bricht die Erzählung auf, um den Leser anzusprechen… Es mag Leute geben, die das als störend empfinden, mir gefällt es🙂

Die echten wie die erfundenen Charaktere sind liebevoll gezeichnet und Palma versteht es meisterlich, die verschiedenen Erzählstränge miteinander zu verweben. Leichtfüßig wechselt er zwischen den verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen, wobei man ihm als Leser jedoch problemlos folgen kann. Dabei verleiht der hohe Detailreichtum dem Text eine atmosphärische Dichte, wie man sie nicht oft findet. Aber bei aller Dramatik ist der Ton doch immer wieder herrlich humorvoll-ironisch. Ein Beispiel gefällig? Im ersten Teil der Geschichte wird beschrieben, wie es Andrew im größten Liebesglück so scheint, als würde alles um ihn herum strahlen – Bäume, Sträucher, Eichhörnchen… Aber natürlich versäumt es der Erzähler nicht, den Leser darauf hinzuweisen, dass dies natürlich hochgradig unrealistisch ist:

„Doch glauben Sie bitte nicht, dass ich mich jetzt in einer Beschreibung von Hektaren überspannter und strahlender Parklandschaft verlieren werde, da dies weder mein Begehr ist noch der Wahrheit entspräche, denn trotz seiner entstellten Sicht hatte sich die Landschaft, durch die Andrew ritt, nicht im Geringsten verändert. Das galt auch für die Eichhörnchen, die ja ohnehin nicht dazu neigen, sich irremachen zu lassen“ (S. 62)

~ Fazit ~

Ein wunderbarer Schmöker, mit allem, was das Leserherz begehrt (Abenteuer, Zeitreisen, Liebe, Mord…), und zugleich ein herrliches Spiel mit Fakt und Fiktion – fantastisch (im wahrsten Sinne des Wortes), absolut unterhaltsam und spannend bis zum Schluss!   

Titel: Die Landkarte der Zeit
Autor: Félix J. Palma
Originaltitel: El mapa del tiempo
Gebundene Ausgabe: 716 Seiten
Verlag: Kindler
ISBN: 978-3463405773

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