[Lesekreis] ~ Katz und Maus ~

Rein menschlich bin ich kein Fan von Nobelpreis-träger Günter Grass, zu fragwürdig erscheinen mir einige biographische Details, wie z.B. die lange verschwiegene Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Es hat sich allerdings doch als lohnenswert erwiesen, dass ich im Rahmen unseres Lesekreises „genötigt“ war, mich auf literarischer Ebene mit Grass auseinander zu setzen.

In „Katz und Maus“ erzählt Pilenz rückblickend von seinem Klassenkameraden Joachim Mahlke, den ein übergroßer Adamsapfel zum einerseits bewunderten, anderseits oft verlachten und stellenweise sogar verhassten Außenseiter macht. Dieses ambivalente Verhältnis zwischen Pilenz und seinen Freunden und dem „Großen Mahlke“ manifestiert sich bereits in der Anfangsszene – ein recht garstiger Jungenstreich, bei dem einer der Jungs eine Katze auf Mahlkes Maus (seinen Adamsapfel) hetzt – und zieht sich durch das gesamte Buch. Faszinierend war für mich dabei vor allem, wie Pilenz – einer mehrmals spürbaren latenten Abneigung zum Trotz – zugleich fast schon besessen von seinem „Freund“ ist. In der Schule läuft er ihm hinterher, gibt vor anderen mit Mahlkes Glanzleistungen im Sport an. Bis in die Gegenwart verfolgt ihn die Erinnerung an seinen „Freund“ – und seinen Verrat an dieser „Freundschaft“, der den Schluss der Geschichte bildet.

Aus Mahlke, diesem eigenbrötlerischen, beinahe schon fanatisch religiösen, einsilbigen Jungen, der wenig von „Militär, Kriegspielen und diese[r] Überbetonung des Soldatischen“ hält und sich dann doch freiwillig bei den U-Booten meldet, wird man auch als Leser nicht schlau. Einerseits ist sein sportlicher und militärischer Ehrgeiz spürbar durch das Verlangen nach Aufmerksamkeit und Bewunderung geprägt, andererseits kümmert es ihn doch wenig, was andere von ihm halten. Und obwohl Grass viel erzählt und den Leser damit durchaus in seinen Bann zu ziehen vermag, sagt er doch verhältnismäßig wenig – muss man sich anhand kurzer Anekdoten, Andeutungen und Berichte ein Bild über Mahlke machen, dass zwangsläufig fragmentarisch bleibt.

Dabei war Grass‘ Stil – weitschweifige, mitunter groteske Beschreibungen, Gedankensprünge, eine recht eigenwillige Orthografie – für mich zunächst ziemlich gewöhnungsbedürftig, im Verlauf des Buches wurde es jedoch besser bzw. hat man sich vielleicht bis dahin auch einfach daran gewöhnt… Die mal mehr, mal weniger expliziten Andeutung von Intimitäten (die wiederum in diesem Alter vermutlich normal sind) oder auch die lapidare Verharmlosung des Übergriffs von Hochwürdigen Gusewski fand ich allerdings doch irritierend bis fragwürdig, wobei sich zumindest letzteres ja durchaus auch als Kritik an der katholischen Kirche verstehen ließe?

All meinen Vorurteilen und Erwartungen zum Trotz hat das Buch dann aber doch einen gewissen Sog entwickelt. Ich kann gar nicht so recht sagen warum… Vielleicht weil „Katz und Maus“ im Grunde eine Geschichte über Freundschaft ist, über Schuld und Verantwortung, über Erinnerung… Gleichzeitig aber auch ein anschauliches Porträt der Stadt Danzig und ihrer Gesellschaft zu Zeiten des 2. Weltkrieges, das die damals weit verbreitete Verklärung und Glorifizierung des Krieges (z.B. in Form der Begeisterung der Jungen für Kriegsschiffe) ebenso einfängt wie das damit einhergehende Elend, angefangen bei der Rationierung von Gütern bis hin zu Familienmitgliedern und Freunden, die allzu oft von Einsätzen an der Front nicht zurückkehren.

~ Fazit ~

Ein Buch, das auf ganz eigene Art den Alltag der Kriegszeit und das Schicksal eines Außenseiters darstellt. Nicht unbedingt leichte Kost aber durchaus lesenswert. Grass wird vermutlich nicht unbedingt einer meiner Lieblingsautor werden aber es zeigt sich, dass es sich in manchen Fällen doch lohnt, ein Werk unabhängig von der Zu- oder Abneigung gegenüber dem Autor zu betrachten.   

Titel: Katz und Maus

Autor: Günter Grass

Taschenbuch: 176 Seiten

Verlag: dtv

ISBN: 978-3423191159

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