~ Her Fearful Symmetry ~

Wie bereits gesagt, ist „Die Frau des Zeitreisenden“ eines meiner absoluten Lieblingsbücher – dem-entsprechend gespannt war ich auf diesen zweiten Roman von Audrey Niffenegger. Der Klappentext ließ für mich eine etwas skurrile ghost story erwar-ten und klang eigentlich ganz vielversprechend: Julia und Valentina sind durchschnittliche amerikanische Teenager, nun ja, abgesehen von der Tatsache, dass sie Spiegelzwillinge sind und ihr Interesse an College- oder Jobsuche sich sehr in Grenzen hält. Doch mit dem beschaulichen Leben ist es vorbei, als sie erfahren, dass ihre Tante Elspeth, die Zwillingsschwester ihrer Mutter Edie, von der sie bisher nicht einmal wussten, dass sie existiert, an Leukämie gestorben ist und ihnen ihr Apartment mit Blick auf den Highgate Cemetery in London hinterlassen hat. In London angekommen lernen die Zwillinge nicht nur die übrigen Hausbewohner kennen – Martin, ein brillanter Kreuzworträtsel-Autor, der jedoch seine Wohnung aufgrund einer Zwangsneurose nicht verlassen kann, und Robert, der zunächst noch sehr zurückhaltende Lebensgefährte ihrer verstorbenen Tante –, sondern müssen auch bald feststellen, dass es vielleicht doch nicht zu spät ist, ihre Tante kennenzulernen…

Der Roman ist in drei Abschnitte geteilt. Im ersten Teil lernt der Leser die wichtigsten Charaktere kennen: Elspeth und Robert, Martin und seine Frau Marijke, die ihn verlässt hat, weil sie die Einschränkungen, die Martins Erkrankung mit sich bringt, nicht länger ertragen kann, Edie und Jack, die Eltern von Julia und Valentina, und natürlich die Zwillinge selbst. All diese Charaktere ziehen den Leser mit ihren Eigenheiten und ihrem oft traurigen Schicksal zwar durchaus in ihren Bann, doch nicht immer sind ihre Motive und Handlungen glaubwürdig, und wirklich sympathisch ist bis auf Martin und Marijke kaum jemand. Vielmehr ist Selbstsüchtigkeit für mich ein Charakterzug, der beinahe alle Protagonisten kennzeichnet. Julia, die es gewohnt ist, ihre Meinung durchzusetzen. Valentina, die sich das lange gefallen lässt, dann jedoch – in ihrem Versuch sich abzunabeln – ihren Eltern und auch Julia unnötig viel Leid zufügt. Und nicht zuletzt Elspeth, bei der zwischen den Zeilen immer wieder deutlich wird, dass sie zwar zu Lebzeiten durchaus geistreich, schön und originell war, aber trotzdem keine nette Person – und im Tod scheint sie selbst den letzten Rest Mitgefühl verloren zu haben. In mancherlei Hinsicht erscheint sie fast schon als missgünstiger, manipulativer Poltergeist, und selbst Robert warnt Valentina davor, ihr zu vertrauen. Aber der Reihe nach…

Der zweite Teil des Romans beginnt mit der Ankunft der Zwillinge am Flughafen Heathrow und beschreibt Julias und Valentinas Leben in London: wie sie ganz touristisch die Stadt erkunden, Julia Freundschaft mit Martin schließt und sich – zu Elspeths Missfallen – eine zarte Romanze zwischen Valentina und Robert anbahnt. Gleichzeitig wird Elspeth als Geist immer stärker, bis sie schließlich in Form von in Staub geschriebenen Nachrichten und später mithilfe eines Ouija-Brettes sogar mit Robert, Valentina und Julia kommunizieren kann. Dies führt im dritten Teil des Buches zu einem immer intensiveren Austausch zwischen ihr und Valentina, die scheinbar über eine besonders feine Wahrnehmung verfügt und Elspeths Geist schließlich sogar sehen kann. Doch je mehr Valentina sich Elspeth zuwendet, desto deutlicher zeigen sich Risse in der starken Verbundenheit zwischen ihr und ihrer Zwillingsschwester. Denn obwohl es zunächst so scheint, als würde diese enge Verbundenheit auf Gegenseitigkeit beruhen, wird es im Verlauf der Handlung immer klarer, dass Valentina es leid ist, ständig nach Julias Pfeife zu tanzen, sie will eigene Entscheidungen treffen, Pläne schmieden und endlich ihr Leben in die Hand nehmen.

Und im dritten Teil des Buches glaubt sie schließlich, einen Weg gefunden zu haben, wie sie sich ein für alle mal von Julia lösen kann. Ihr unfassbarer Plan und dessen Umsetzung mit der Unterstützung von Elspeth, die zwar Besorgnis äußert, sich allerdings nicht wirklich lange sträubt, und Robert, der sich – wenn auch widerwillig – ebenfalls zum Komplizen machen lässt (was ihn und seine vermeintlichen Gefühle für Valentina in meinen Augen sehr unglaubwürdig macht) bestimmen schließlich die letzten Kapitel des Romans. Das Ende, das dann beinahe lieblos heruntererzählt wird, hatte für mich leider fast schon etwas von einem schlechten vielleicht nicht Horror-, aber zumindest Gruselfilm (wer „Der verbotene Schlüssel“ gesehen hat weiß, was ich meine). Ich fand es unbefriedigend, wenn nicht gar verstörend. Und bei all dem „übernatürlichen Schnicknack“ (das ist zwar ein wenig überzogen, trifft aber den Kern) verliert Niffenegger meines Erachtens die genuin menschlichen Konflikte – Liebe, Verlust, Geschwisterbeziehung, die Frage nach der eigenen Identität – aus den Augen, die dem atmosphärischen Text noch mehr Tiefe hätten geben können. Da hilft auch die wunderbar stimmungsvolle Friedhofskulisse nicht, obwohl diese die omenhafte Omnipräsenz des Todes wirkungsvoll unterstreicht. Ich habe ja ohnehin ein (vielleicht etwas morbides) Faible für solche verwunschenen alten Friedhöfe. Trotzdem hat „Her Fearful Symmetry“ für mich insgesamt eher die Anmutung einer etwas skurrilen, übernatürlichen Soap, die große Gefühle – selbst über den Tod hinaus – verspricht aber emotional dann doch nur an der Oberfläche kratzt. Um noch kurz den Klappentext zu zitieren: „unnerving (aber eher im negativen Sinne), unforgettable (dito), enchanting (sprachlich vielleicht, inhaltlich leider nicht)“…

~ Fazit ~

Alles in Allem: 3 Sterne für Niffeneggers erzählerisches Können, das eine ganz besondere Atmosphäre schafft, die den Leser – allen inhaltlichen Schwächen zum Trotz – doch in die Geschichte hineinzieht, auch wenn dieses Buch mit „Die Frau des Zeitreisenden“ nicht zu vergleichen ist.   

Titel: Her Fearful Symmetry

Autor: Audrey Niffenegger

Verlag: Scribner

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten

ISBN: 978-1439165393

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s