~ Der Geschmack von Apfelkernen ~

Es hat ein wenig länger gedauert aber hier kommt nun endlich die Rezension zu meinem wunderbaren Flohmarktfund! Und erfreulicherweise hat dieses Buch voll und ganz gehalten, was der Rückseitentext versprochen hat: „Ein Roman über das Erinnern und das Vergessen – bewegend, herrlich komisch und klug.“

Mit mal mehr, mal weniger subtilem Humor, oft aber auch durchsetzt mit einem Hauch von Melancholie erzählt Katharina Hagena die Geschichte von Iris, die nach dem Tod ihrer Großmutter deren Haus erbt. Ohne recht zu wissen, was sie mit dem Erbe anfangen soll, verbringt sie einige Tage in jenem Haus, in dem sie als Kind ihre Sommerferien verbrachte und das so voller Erinnerungen ist. Erinnerungen an ihre Großmutter Bertha, die nach einem Sturz vom Apfelbaum immer zerstreuter wurde. An Berthas Schwester Anna, die mit sechzehn an einer Lungenentzündung starb, „die aufgrund ihres gebrochenen Herzens und des noch nicht entdeckten Penizillins nicht heilen konnte“ (S. 11). An ihre Cousine Rosmarie, die vor dreizehn Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kam…

Zwar gibt es eine Art Rahmenhandlung – Iris, die nicht nur durch das Haus wandelt und sich durch schwüle Sommertage treiben lässt, sondern auch alten Bekannten begegnet –, doch viel wichtiger sind die Erinnerungen, die die verschiedenen Bilder und Eindrücke in Iris wachrufen. In kurzen Passagen führt dabei eine Erinnerung assoziativ zur nächsten, bis sich die einzelnen Bilder vorm inneren Auge des Lesers schließlich zu einer Familiengeschichte verdichten, die die Schicksale dreier Generationen umspannt. Dabei plätschert die Geschichte leicht, manchmal fast schon traum-gleich vor sich hin (im positiven Sinne!), und obwohl oder vielleicht gerade weil vieles nur angedeutet wird, hat dieses Buch mich in seinen Bann gezogen. Bis zu dem Punkt, an dem man die Hitze der schwülen Sommertage beinahe schon auf der Haut spürt und den Geschmack von Apfelkernen auf der Zunge hat.

~ Fazit ~

Im Stil war dieser Roman vielleicht nicht ganz so sphärisch und leichtfüßig, wie ich es mir vorgestellt hatte (mitunter ist der Ton doch recht bodenständig, deshalb einen Stern Abzug). Nichtsdestotrotz ist „Der Geschmack von Apfelkernen“ aber ein berührendes Buch, das dem Leser viele kleine Weisheiten über die Spielarten des Erinnerns und des Vergessens schenkt – schillernd wie weißes Johannisbeergelee, bittersüß wie „konservierte Tränen“.   

„Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.“ (S. 171)

Titel: Der Geschmack von Apfelkernen
Autor: Katharina Hagena
Taschenbuch: 254 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3462041491

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Eine Antwort zu “~ Der Geschmack von Apfelkernen ~

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