[Lesekreis] ~ Mängelexemplar ~

Dieses Mal stand für unseren Lesekreis etwas ganz Modernes auf dem Programm: ein Titel von Sarah Kuttner – „Mängelexemplar“. Ich dachte ursprünglich, dass es sich dabei um eine von Kuttners Kolumnen-Sammlungen handeln würde aber nein, wie das Cover verkündet, ist es tatsächlich ein Roman… Und das titelgebende „Mängelexemplar“, um das es in diesem Roman geht, ist Karo Herrmann, eine junge, sympathische (wenn auch manchmal etwas anstrengende) Protagonistin, die, nachdem sie ihren Job verloren und sich von ihrem Freund getrennt hat, plötzlich in ein tiefes Loch fällt…

Soviel verrät schon der Klappentext, aber den habe ich offensichtlich nur periphär wahrgenommen, denn ich habe ich von diesem Buch trotzdem etwas anderes erwartet… Das mag vor allem am flotten Stil liegen, der sich unheimlich schnell wegliest. Man hört beim Lesen förmlich Sarah Kuttners sympathische Berliner Schnauze. Leider kollidiert dieser witzig-lässige Stil für meinen Geschmack doch irgendwie mit dem eigentlich sehr ernsten Inhalt… Karos „Rucksack voller Scheiße“ (ihr Ausdruck für ihre sehr traumatische Jugend, die aber nur am Rande erwähnt wird) wird ein wenig zu sehr heruntergespielt. Sie leidet (scheinbar schon seit Längerem) an Depressionen, hat im Verlauf des Buches mehrere schwere Panikattacken, nimmt Antidepressiva – das ist an sich schon ziemlich starker Tobak, dem es – für meinen Geschmack – aber ein bisschen an Ernsthaftigkeit fehlt… Aber vielleicht ist das auch eine Form von Galgenhumor… Lachen, weil man sonst weinen müsste?

Jenseits der sehr ersten Themen wird im Buch aber auch eine „Krankheit“ thematisiert, die – wie ich finde – symptomatisch für unsere Zeit ist. Man fragt sich ständig, ob das – die Liebe, der Job, die ganze Lebenssituation – schon alles ist, ob es nicht doch noch irgendwo irgendetwas Besseres gibt – und verpasst darüber das Glück, das manchmal so nahe liegt. So ist auch Karo hochgradig verkopft, denkt über alles nach, analysiert, grübelt, hinterfragt, sich selbst und ihre eigenen Gefühle, denen sie dadurch immer weniger traut. Dabei hat sie fast schon verlernt, einfach einmal den Augenblick zu genießen. Obwohl sie sich doch im Prinzip nur das wünscht, was die meisten Frauen suchen: Geborgenheit. Wohl gerade deswegen hat Karo, die nach Aussage ihres besten Freundes nun wirklich kein Hauptgewinn ist, sondern eher ein „zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar“ (S. 213), durchaus Identifikationspotenzial… Zumindest hat mich mehr als einmal das Gefühl beschlichen, dass ich mich – irgendwie fast schon ein bisschen zu sehr – in dieser exzessiv reflektierenden, selbstironischen jungen Frau wiederfinde…

~ Fazit ~

Für einen psychologischen Selbstfindungsroman, was dieses Buch ja in gewisser Weise ist, ist der Ton mitunter doch etwas zu locker. Zugegeben, ohne Sarah Kuttners Witz wäre es wahrscheinlich ein ziemlich unlesbares Buch geworden aber auch in Kombination mit ihrem flapsigen Stil ist es für mich keine wirklich runde Sache. Aber eine paar schöne psychotherapeutsche Weisheiten nimmt man alle Mal mit, und sei es nur die, einfach mal den Kopf auszuschalten.  

Titel: Mängelexemplar
Autorin: Sarah Kuttner
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3596184941

P.S.: Der nächste Lesekreis-Titel ist „Der Mann im Strom“ von Siegfried Lenz.

6 Kommentare

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6 Antworten zu “[Lesekreis] ~ Mängelexemplar ~

  1. Hab das Buch vergangenes Wochenende gelesen und hab mich auch zeitweise mit Karo identifizieren können…was mir etwas Angst machte. Aber der Roman hat ja eine recht deutliche Botschaft, die man sich gut merken kann😛

  2. Mich würde mal interessieren wie das Buch insgesamt im Lesekreis angekommen ist. Wie ist denn da eure „Mischung“? Da gibt es sicherlich viele verschiedene Meinungen, aber so eine Tendenz fände ich mal spannend. Ich selbst finde Sarah Kuttner manchmal total witzig, manchmal aber auch ziemlich nervig, deshalb habe ich um das Buch erstmal einen großen Bogen gemacht.

    • Wie sind fünf Mädels, im Alter von Mitte 20 bis 30. Insgesamt ist das Buch recht gut angekommen, bis auf eine Teilnehmerin (nicht ich), die gar nichts damit anfangen konnte. Ansonsten wurde mehr oder weniger einstimmig festgestellt, dass das Identifikationspotenzial recht hoch ist und Sarah Kuttners Stil ist sehr gut angekommen. Außer mir hat sich, glaube ich, keiner an der Mischung „ernster Inhalt – eher flapsige Vermittlung“ gestört, sondern es wurde eher gelobt, dass man sich gut in die Protagonistin hineinversetzen konnte.
      Grundsätzlich mag ich Sarah Kuttner, und auch ihren Humor, sehr gern. Wem diese Art von Humor (nicht gerade hochintellektuell aber zumindest unterhaltsam) gefällt, der dürfte an dem Buch seine Freude haben. Wenn du Sarah Kuttner aber manchmal auch ziemlich nervig findest, ist vielleicht doch Vorsicht geboten. Dein selbst eine Teilnehmerin, die eigentlich ziemlich begeistert vom Buch war, hat angemerkt, dass im Verlauf des Buches der Humor streckenweise auch nicht mehr ganz überzeugt, sondern etwas zu platt und schenkelklopfend daherkommt…
      Ich hoffe, diese kleine Zusammenfassung hilft dir weiter.

      Viele Grüße,
      Claudia

  3. Hallo Claudia,

    darf ich fragen, wie ihr zu Eurem Lesekreis gekommen seid? Ich komme momentan so gar nicht zum Lesen (so meine Ausrede), aber das kann ja so nicht weitergehen. Vielleicht würde ich für einen Lesekreis mehr Zeit freischaufeln😉 Habt Ihr einen Kanon, den ihr schon festgelegt habt, oder schlägt jeder mal was vor?

    Viele Grüße
    a), b) c)-Nina vom Diary Slam

    • Hallo Nina,

      tatsächlich habe ich den Lesekreis selbst gegründet, ganz klassisch per Aushang aber auch über Social Networks, weil ich viel lese (wobei ich im Moment auch ein bisschen schwächele) und mich gern mit Gleichgesinnten über Bücher austauschen wollte. Eigentlich hatte ich darauf spekuliert, mehr zeitgenössische Literatur zu lesen. Inzwischen sind wir schwerpunktmäßig aber eher ein Klassiker-Lesekreis. Grundsätzlich schlägt jede (wir sind ausschließlich Mädels) mal was vor und am Ende jedes Treffens legen wir dann quasi fest, was bis zum nächsten Mal gelesen wird.
      Was würde dich denn eher ansprechen: a) Klassiker, b) zeitgenössische Literatur (anpruchsvoll oder nicht), c) ganz was anderes?😉

      Viele Grüße,
      Claudia

      P.S.
      Nur am Rande: wenn es nach mir und meiner Begleitung gegangen wäre, hättest du gewonnen! Dein Beitrag war wirklich herrlich!

      • Hallo Claudia,
        mit ein paar Klassikern habe ich es versucht, aber ich lese insgesamt doch eher zeitgenössische und teilweise sogar eher Unterhaltungsliteratur. Bei Anna Karenina hab ich z.B. bei Seite 600 aufgegeben. Autoren, die ich gerne gelesen habe, waren z.B. Haruki Murakami, Anna Gavalda, Peter Stamm, Markus Zusak… und zugegebenermaßen viele Bestseller🙂
        Kommt das bei Euch überhaupt in die Tüte?
        Liebe Grüße
        Nina

        PS: Danke🙂 Ich hab vielleicht noch ein wenig Stoff und werde mal wieder aus meinen diversen Tagebüchern vorlesen. Naiv bleibt es, aber nicht mehr so kindlich-naiv, was ich ja am schönsten bei den Beiträgen fand😉

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