[Lesekreis] ~ Der Mann im Strom ~

Diese Rezension ist mehr als überfällig, denn der letzte Lesekreis ist schon wieder eine ganze Weile her. Dazwischen lag sehr viel berufliche Lektüre und bevor „Der Mann im Strom“ nun auch noch vollends von „Adams Erbe“, dem Buch, das ich gerade innerhalb weniger Tage ver-schlungen habe, überstrahlt wird, jetzt der Vollständigkeit halber wenigstens noch ein paar Worte dazu. Nach „Mängelexemplar“ sind wir mit diesem Roman von Siegfried Lenz wieder ein Stück in die Vergangenheit gesprungen. Genauer: ins Deutschland der Nachkriegszeit. Der Roman erzählt vom in die Jahre gekommenen Taucher Hinrichs, der aufgrund seines Alters keine Anstellung mehr findet, obwohl er dringend ein Einkommen braucht, um seine Familie versorgen zu können. In seiner Verzweiflung sieht er schließlich keinen anderen Ausweg, als seine Papiere zu fälschen. Doch wie lange kann das gut gehen?

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Thema des Buches – die Schwierigkeit, sich auch im Alter noch in der Gesellschaft behaupten zu können und seinen Platz zu finden in einer sich wandelnden Gesellschaftsordnung – von ungebrochener Aktualität ist. Zugleich verweisen aber z.B. die zahlreichen, meist abwertenden Beschreibungen von Schiffen, die ihre beste Zeit hinter sich haben, auch auf Hinrichs persönliches Drama. Als Leser findet man sich dadurch in der Rolle eines stillen Mitwissers und kann Hinrichs Beklemmung und das Gefühl der Ausweglosigkeit nur allzu leicht nachempfinden. Rein objektiv begeht er natürlich Urkundenfälschung, doch wäre wohl beinahe jeder Leser bereit, dieses „Verbrechen“ zu verzeihen, das einzig Hinrichs unbedingten Wunsch entspringt, die Existenz seiner Familie zu sichern. Alles andere als ein Sympathieträger ist dagegen der junge, unzuverlässige Manfred, in den Hinrichs Tochter Lena verliebt und von dem sie noch dazu schwanger ist. Denn obwohl seine Chancen eine Arbeit zu finden deutlich besser stehen, wählt auch er den vermeintlich leichteren Weg der Kriminalität. Man ahnt allerdings schon recht bald, dass es mit diesem leichtsinnigen jungen Mann wohl kein gutes Ende nehmen wird.

Stellenweise las sich der Text zwar etwas zäh, es gab jedoch auch Passagen von großer sprachlicher Ausdruckskraft, z.B.: „Und Lena stand auf der geländerlosen Drehbrücke und sah über das leere und dunkle Hafenbecken der Segelschiffe, deren Masten hier ihre schwankenden Bewegungen in den Himmel geschrieben hatten, mit deren Kielen Geschichten und Schicksale gereist waren, die ihre Zeit gehabt hatten und gestorben waren.“ (S. 88) Diese Passage spiegelt auch recht anschaulich den melancholischen Grundton des Romans wider, der dem Inhalt aber ja durchaus angemessen ist. Schön für mich als Wahl-Hamburgerin war die Tatsache, dass man anhand charakteristischer Orte und Bauten schnell erkennt, welche „große Stadt im Norden“ Schauplatz der Handlung ist. Dieses Lokalkolorit hat dem Text für mich ganz persönlich noch ein wenig mehr Leben verliehen.

~ Fazit ~

Wenn die „sprachliche Verpackung“ auch nicht mehr ganz zeitgemäß ist, hat dieses Buch inhaltlich doch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Damals wie heute sensibilisiert es den Leser für ein grundlegendes gesellschaftliches Probleme und führt gleichzeitig vor Augen, wie wichtig gerade in schwierigen Zeiten familiärer und kollegialer Zusammenhalt ist.   

Titel: Der Mann im Strom

Autor: Siegfried Lenz

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: Hoffmann & Campe

ISBN: 978-3455042269

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