~ Adams Erbe ~

„Hört man auf zu existieren, Anna, wenn niemand mehr weiß, wer man eigentlich ist? Verschwinden die Geschichten, wenn keiner sie mehr erzählt?“

Auf vorablesen.de wurde vor Kurzem gefragt, welchem Buch man dieses Jahr seinen persön-lichen Buchpreis verleihen würde. In der Regel tue ich mich mit solchen Fragen eher schwer aber diesmal musste ich nicht lange überlegen. Mein persönlicher Buchpreis 2011 geht an „Adams Erbe“ von Astrid Rosenfeld. Weil micht lange kein Buch mehr so bewegt hat. Weil es zugleich wunderschön, bittersüß und tieftraurig ist und doch – bei aller Tragik – auch immer wieder durch herrlich ironisch-trockenen Humor besticht. Weil dieses beeindruckende Debüt damit für mich zu jenen seltenen Büchern gehört, die noch lange nachklingen und es einem sehr, sehr schwer machen, einfach zum nächsten Buch überzugehen.
Gerade deswegen habe ich ungewöhnlich lange an dieser Rezension gesessen, weil ich diesem außergewöhnlichen Buch wenigstens halbwegs gerecht werden wollte… Ich hoffe, es hat sich gelohnt.

„Adams Erbe“ beginnt zunächst mit der Geschichte von Edward, der 2004 in Berlin lebt und Besitzer einer angesagten Modeboutique ist. Seine Kindheit war – milde ausgedrückt – turbulent und u.a. dadurch geprägt, dass er von seiner jüdischen Verwandtschaft immer wieder hört, wie sehr er Adam gleicht, seinem Großonkel, über den jedoch in der Familie weiter nicht gesprochen wird. Trotz seines beruflichen Erfolges ist Edwards Leben im Grunde leer, erst der Selbst-mordversuch einer guten Freundin und die Begegnung mit einer jungen Engländerin wecken ihn aus seiner Lethargie. Und so kehrt er schließlich noch einmal zurück in das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hat, und findet auf dem Dachboden das eigentliche Vermächtnis Adams – einen Stapel Briefe, die ihren Adressaten, eine gewisse Anna Guzlowski, nie erreicht haben. Und hier beginnt der zweite Teil des Buches, die Geschichte des jüdischen Jungen Adam Cohen, der 1938 in Berlin lebt und um der Liebe willen alles aufgibt – seine Familie, sein Leben, seine Identität.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie virtuos Astrid Rosenfeld ihre Geschichte entwickelt. Scheinbar mühelos verknüpft sie die Schicksale von Edward und Adam und beschreibt dabei sowohl das Leben im Berlin der dreißiger Jahre als auch die grausame Realität im von den Nationalsozialisten besetzten Polen mit wenigen Worten doch so anschaulich, dass man sich als Leser dem Sog dieses Buches nur schwer entziehen kann. Zwar geht der Lauf der Geschichte dank dem energischen Matriarchat seiner Großmutter Edda zunächst noch fast spurlos an Adam vorbei, doch es kommt der Moment, in dem die Realität auch in die Beschaulichkeit von Eddas Dachboden Einzug hält. Denn während Adam und seine Familie die Reichskristallnacht unbeschadet überstehen, verschwindet Anna, die junge Frau, in die Adam sich Hals über Kopf verliebt hat, in jener Nacht spurlos. Und obwohl er Anna noch nicht lange kennt, hat die unendliche Traurigkeit ihrer Augen und ihr Lachen etwas in ihm berüht, „[e]ine Berührung, die aus Narren Helden und aus Helden Narren machen kann“ (S. 175). So begibt sich Adam auf eine Odyssee, die ihn bis ins Warschauer Ghetto führen wird. Und als Leser teilt man seine verzweifelte Hoffnung, dass er Anna doch noch findet oder wenigstens dafür Sorge tragen kann, dass sie in Sicherheit ist. Man ist erschüttert von der menschenver-achtenden Grausamkeit von Hitlers Schergen. Und manchmal raubt einem das Leid und Elend jener Zeit fast den Atem.

Neben Astrid Rosenfelds sprachlichem Ausdrucksvermögen und ihrer bemer-kenswerten Stilsicherheit lebt der Roman für mich aber vor allem auch von seinen Charakteren. Allen voran natürlich Edda Klingmann, die Großmutter von Adam – eine solch fantastische Persönlichkeit, dass man fast nicht glauben mag, dass sie fiktiv ist. Eine imposante Dame mit spitzer Zunge, die mit ihrem Enkel bei einem Gläschen Asbach in den Gesichtern der Mächtigen des Nazi-Regimes die Zukunft zu lesen versucht. Die alle ihre Beziehungen spielen lässt, um ihren jüdischen Friseur, der sich ihrzuliebe sogar einen italienischen Akzent zugelegt hat (denn: „…zum absoluten Glück einer Dame gehört ein italienischer Friseur“, S. 127), wieder freizubekommen, nachdem er wegen Verdachts auf Spionagetätigkeit verhaftet worden ist. Die sich durch die Verordnung, dass in den Papieren aller Juden als zweiter Vorname Sara oder Isreal eingetragen werden muss, in ihrer Vermutung bestärkt sieht, dass Hitler offensichtlich trinkt: „Auf sowas kommt nur ein Säufer“ (S. 187).

Doch auch jenseits der Protagonisten überzeugt der Roman durch Figuren, die Astrid Rosenfeld ihren Lesern ebenso nahebringt und die oftmals – wie der Roman selbst – zwischen Komik und Tragik schweben, wie der exzentrische Amerikaner Jack Moss, in den sich Edwards Mutter verliebt, oder Adams Geigenlehrer Bussler, der es unter Hitler zwar zum Sturmbannführer schafft, dadurch aber in einen quälenden inneren Konflikt gerät. Gleichzeitig findet sich im Roman das gesamte Spektrum von Charakteren im Naziregime: Opfer und Täter, Menschen, die sich selbst am nächsten sind, Mitläufer, die in blindem Gehorsam unvorstellbare Taten begehen und gebrochene, von Selbstekeln verfolgte Gestalten. Doch zu den gegen Ende hin immer seltener werdenden Momenten der Hoffnung gehört auch, dass Adam doch Spuren hinterlässt, indem sein Schicksal wenigstens einigen Menschen innerhalb dieses Regimes die Augen öffnet.

~ Fazit ~

Astrid Rosenfeld verwebt die Schrecken der NS-Zeit mit einer Geschichte über Liebe, Familie, Freundschaft und Loyalität auf eine Art und Weise, wie es nur eine begnadete Erzählerin kann. Ein sprachgewaltiges Buch, das tief berührt.  

Titel: Adams Erbe
Autorin: Astrid Rosenfeld
Gebundene Ausgabe: 385 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257067729

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

4 Antworten zu “~ Adams Erbe ~

  1. Pingback: Happy New Year! | Bibliomaniac's Diary

  2. Jens Tischoff

    Durch deine Empfehlung habe ich Adams Erbe gelesen und es hat in mir eine Lesesucht erweckt, die ich noch nicht kannte (das Buch war sozusagen eine Eintagsfliege).

    Astrid Rosenfeld schafft es durch ihre Verbindung von Sarkasmus und Realität, Liebe und Freundschaft, Sprachwitz und Nüchternheit einen in einen Bann zu treiben, dem man sich nicht entziehen kann. Ein unglaubliches Buch!

    Deine Rezension kann ich mehr als nur bejahen.

    • Hallo Jens,

      freut mich sehr, dass du dir trotz deiner anderen Lektüre die Zeit für „Adams Erbe“ genommen hast und noch mehr freut es mich natürlich, dass du davon scheinbar genau so begeistert bist wie ich🙂

      Liebe Grüße
      Claudia

  3. Pingback: ~ The Book Thief ~ | Bibliomaniac's Diary

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s