~ Before I Fall ~

Nachdem es hier eine Weile ziemlich still war, werde ich mich nun bemühen, sukzessive endlich die Rezensionen zu den Büchern nachzutragen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Wer meinen Blog schon etwas länger verfolgt weiß, dass ich den ersten zu rezensierenden Titel „Before I Fall“ vor einiger Zeit sogar schon einmal erwähnt habe, in der Rezension zu „Seven Souls“. Und tatsächlich bietet sich nun, da ich „Before I Fall“ gelesen habe, der Vergleich mit „Seven Souls“ nicht nur an, er zwingt sich förmlich auf. Denn es hat sich herausgestellt, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag: Ich wäre mit „Before I Fall“ damals schon besser bedient gewesen. Und das liegt nicht nur daran, dass „Seven Souls“ kein literarischer Hit war, sondern vor allem daran, dass „Before I Fall“ in der Grundanlage zwar ähnlich, in der Umsetzung aber um Längen besser und „authentischer“ ist.

Sam Kingston, die Protagonistin des Debütromans von Lauren Oliver, ist im Grunde ein ganz normales Mädchen und lebt ein typisch amerikanisches Teenager-Leben. Sie ist beliebt, hat drei enge Freundinnen und ist mit dem begehrtesten Typen der Schule zusammen. Bei alledem ist Sam im ersten Moment jedoch trotzdem nicht gerade das, was man unter einem liebenswerten Charakter versteht, im Gegenteil – um ihrer Rolle gerecht zu werden, kann sie auch reichlich oberflächlich, zickig und herablassend sein. Allerdings ist sie bei Weitem nicht so unsympathisch wie Mary Shayne, die Protagonistin aus „Seven Souls“, denn es wird relativ schnell deutlich, dass Sam nicht immer diesen Stand in der Highschool hatte. Auch sie gehörte einmal zu den Außenseitern – und ein Großteil ihres Verhaltens ist offensichtlich ihrer Angst geschuldet, wieder in diese Rolle zu geraten. Das rechtfertigt ihr Verhalten natürlich nicht, macht es aber zumindest ein Stück weit nachvollziehbar. Oft ist man ja schnell damit, andere zu verurteilen und vergisst darüber leicht, was man vielleicht selbst bereit ist zu tun, um gemocht und geliebt zu werden. Und Lauren Oliver lässt ihre Protagonistin auch ganz bewusst den Finger auf diese Wunde legen:

„Before you start pointing fingers, let me ask you: is what I did really so bad? So bad I deserved to die? So bad I deserved to die like that? Is what I did really so much worse than what anybody else does? Is it really so much worse that what you do? Think about it.“

Eine stürmische und verregnete Nacht verändert schließlich alles. Auf der Rückfahrt von einer Party kommt es zu einem Autounfall, bei dem Sam stirbt. Um Morgen für Morgen am selben Tag wieder in ihrem Bett aufzuwachen… Sieben Mal durchlebt Sam jenen schicksalhaften Tag, um letzten Endes zu der Erkenntnis zu gelangen, dass es für all das vielleicht einen Grund gibt und – Vorsicht, Spoiler! – dass sie doch noch ein Leben retten kann, wenn auch nicht ihr eigenes.

Man könnte meinen, dass es dabei irgendwann langweilig wird, wieder und wieder die Geschichte des selben Tages zu lesen. Doch es ist eben nicht jedes Mal die gleiche Geschichte. Denn Lauren Oliver schildert auf eindringliche und – wenn man davon sprechen kann – authentische Art und Weise, wie Sams Wahrnehmung und ihr Umgang mit der Situation sich Stück für Stück verändern: vom anfänglichen Leugnen und Nicht-wahr-haben-wollen über Wut und verzweifelte Versuche, den Ausgang des Tages zu ändern, bis hin zu tiefer Traurigkeit und Bedauern über Dinge, die man (nicht) gesagt oder getan hat. Ein wenig hat mich das an die vier Phasen des Trauerprozesses nach Verena Kast erinnert. Und so wie diese Trauerphasen eine Entwicklung beschreiben, wächst auch Sam an dem, was sie er- und durchlebt. Sie beginnt nicht nur ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, sie muss auch auf schmerzhafte Weise lernen, welche Konsequenzen selbst unbedachte Handlungen haben können.

Als Leser wird man dabei immer wieder damit konfroniert, wie schwer es manchmal ist, sich selbst nicht zu verlieren bei dem Versuch, den Erwartungen und Ansprüchen jener Menschen gerecht zu werden, die man liebt. Denn letzten Endes bestätigt sich, was sich zuvor bereits angedeutet hat, nämlich dass Sam längst nicht nur das oberflächliche, selbstgefällige It-Girl ist, sondern dass sie auch ein ganz anderer Mensch sein kann: selbstkritisch, unsicher, verletzlich. Und was für Sam gilt, gilt in abgeschwächtem Maße auch für ihre besten Freundinnen Lindsay, Elody und Ally, die zwar durchaus das ein oder andere Klischee bedienen, dabei aber dennoch wesentlich überzeugendere und vielschichtigere Charaktere sind als ihre Gegenstücke in „Seven Souls“. Und das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich „Before I Fall“ ganz klar für den gelungeneren Roman halte. Während „Seven Souls“ im Grunde nicht über die Schilderung von Missgunst, Hass und bestenfalls fragwürdigen Racheplänen hinausgeht, erzählt Lauren Oliver mit viel Gefühl die tragische Geschichte eines Mädchens, das erst im Angesicht des Todes begreift, was im Leben wirklich wichtig ist.

~ Fazit ~

Ein bewegendes Buch, das im Grunde an eine altvertraute Weisheit erinnert, die jeder kennt und doch die wenigsten befolgen: Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre.   

Titel: Before I Fall
Autorin: Lauren Oliver
E-Book: 277 Seiten
Verlag: Hodder & Stoughton
ISBN: 978-1-848-947139

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

4 Antworten zu “~ Before I Fall ~

  1. Von Lauren Oliver habe ich bislang nur „Delirium“ gelesen, aber „Before I Fall“ steht ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

    Schöne Rezi!🙂

    • Und dort steht es ganz zu Recht. Vor „Delirium“ bin ich bisher noch zurückgescheut, weil ich dachte: „Nicht schon wieder so eine mehrbändige dystopische Geschichte…“ Aber der Stil von „Before I Fall“ überzeugt und macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

      Dankeschön🙂

      • Also ich finde die Handlung von „Delirium“ schon sehr eigen und speziell. Mich hat sie spontan an kein anderes Buch erinnert. Dazu kommt natürlich noch der Stil und die Kreativität der Autorin. Ich kann dir das Buch auf jeden Fall empfehlen. Aber vielleicht wäre es auch nicht verkehrt, zu warten, bis alle drei Bände erschienen sind. Dann hast du keine Wartezeiten.😉

  2. nadinedela

    Ich kann mich nur Anschliesen…
    „Delirium“ kann ich wirklich nur empfehlen, ich wahr echt begeistert. Und Band 2 kommt ja in ein paar Tagen in den Handel, worauf ich mich schon sehr freue😉

    Die Rezension zu „Before I Fall“ find ich klasse und interessant, das gibt mein nächstes Buch🙂

    P.s einen tollen blog hast du hier…

    lg nadine

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s