~ Kain ~

Bisher werden die Abstände zwischen meinen Rezensionen zugegebenermaßen noch nicht wirklich kürzer… Wohingegen die Liste der Bücher, die ich zwischen-zeitlich gelesenen habe, immer länger wird😦 Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, bei den noch offenen Rezensionen chronologisch vorzugehen, kommt nun doch diese zuerst, da ich „Kain“ gerade ausgelesen habe, die Eindrücke noch entsprechend frisch sind und mir diese Rezension schnell von der Hand ging. Aber wie gesagt/ geschrieben: Ich bemühe mich, auch die Rezensionen zu den übrigen Titeln baldmöglichst nachzureichen!

Ein Grund dafür, dass sich die Rezension zum neuen Titel von José Saramago so leicht geschrieben hat, mag darin liegen, dass der leider 2010 verstorbene portugiesische Nobelpreisträger definitiv zu meinen Lieblingsautoren gehört. Ich habe bereits mehrere Bücher von ihm gelesen und bin großer Fan seines ganz speziellen, „saramagischen“ Stils und auch seines mitunter an Blasphemie grenzenden Atheismus. Dementsprechend begeistert war ich, als ich letztes Jahr in den ausgewählten Neuerscheinungen von Ada Mitsou den neusten (und letzten) Roman von Saramago entdeckte: „Kain“. Wunderbar, dachte ich, eine weitere ironisch-kritische Auseinandersetzung mit der christlichen Religion. Doch auch wenn man „Kain“ durchaus als konsequente Fortsetzung von „The Gospel According to Jesus Christ“ lesen kann, hat der Roman mich leider nicht komplett überzeugt…

Wie schon im „Gospel“ präsentiert uns Saramago auch hier wieder seine ganz eigene Version der biblischen Geschichte. An der Seite des Brudermörders Kain reist der Leser an verschiedenste Schauplätze des Alten Testaments. Dabei ist Kain jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift auch aktiv in das jeweilige Geschehen ein. So wird er u.a. zum Liebhaber der verführerischen Lilith, hält Abraham davon ab, seinen Sohn Isaak zu opfern, und gehört zu jenen Botschaftern, die dem von Gott auf die Probe gestellten Hiob eine furchtbare Nachricht nach der anderen überbringen. Und während er wieder und wieder Zeuge von Elend und Grausamkeit wird – verursacht entweder im Namen des Herren oder gar der Durchsetzung seines Willens geschuldet – , lässt Kain kaum eine Gelegenheit aus, um seine Zweifel an der „göttlichen Vernunft“ zu artikulieren.

Besonders brisant gestaltet sich dies, wenn ihm sein „Gegenspieler“, der Herr höchstselbst, direkt gegenübersteht. Die resultierenden Dialoge sind zumeist nicht nur sehr unterhaltsam (z. B. wenn Kain den Herren unumwunden darauf hinweist, dass seine Berechnungen bezüglich der Arche falsch sind), sie verraten dem Leser auch einmal mehr viel über Saramagos Sicht auf die Religion im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Speziellen. Wie so oft bleiben die anderen Charaktere neben dem Protagonisten dabei eher flach, und auch die Persönlichkeit des Allmächtigen stellt sich erwartungsgemäß recht eindimensional dar. Gleichzeitig kann man jedoch festhalten, dass auch Kain kein Kind von Traurigkeit ist, sondern in sich selbst und damit auch in seiner Rolle als Ankläger ein durchaus zwiespältiger Charakter – was dem Text zusätzliche Tiefe verleiht.

Vom Stil her ist „Kain“ insofern ein typischer Saramago, als dass Interpunktion nur eine untergeordnete Rolle spielt und der Text geprägt ist durch den vertrauten, blasphemisch-spöttelnden Ton. Irgendein Zeichen von Altersmilde sucht man vergebens, im Gegenteil – in diesem Roman wird Saramagos spezieller Humor von einem ordentlichen Schuss Boshaftigkeit begleitet. Und vielleicht ist es genau das, was mich stört. Hier werden verschiedene Anekdoten willkürlich aneinander gereiht, verbunden allein durch den Zweck, die göttliche Allmacht um jeden Preis ad absurdum zu führen. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, ich weiß ein gewisses Maß an Provokation durchaus zu schätzen, und auch diese Form der Religionskritik hat ihre Berechtigung. Dennoch hatte das Ringen mit einem allmächtigen aber eben auch fehlbaren, grausamen und selbstgerechten Gott im „Gospel“ meines Erachtens noch eine stärker philosophische Qualität, während mir bei „Kain“ einfach zu oft zu viel Schadenfreude mitschwingt.

~ Fazit ~

Ein ebenso unterhaltsames wie tiefgründiges Werk, das sprachlich und stilistisch zu überzeugen weiß, für meinen Geschmack jedoch gut etwas weniger Boshaftigkeit vertragen hätte. 

Titel: Kain
Autor: José Saramago
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-40295-7

3 Kommentare

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3 Antworten zu “~ Kain ~

  1. Danke für diese interessante Rezension! Ich habe – muss ich zu meiner Schande gestehen – bisher noch kein Buch von Jose Saramago gelesen. Deine Eindrücke zu „Kain“ klingen aber sehr interessant und ich habe mir das Buch gleich vorgemerkt …

    • Vielen Dank für das Feedback! Bei Tausenden von Neuerscheinungen jedes Jahr ist es wirklich keine Schande, von diesem oder jenem Autor noch nichts gelesen zu haben. Es freut mich aber, dass dein Interesse an Saramago geweckt ist – seine Bücher sind auf jeden Fall sehr lesenswert (trotz oder vielleicht auch gerade wegen seines speziellen Stils). Über die in der Rezension genannten Titel hinaus, kann ich auch „Die Stadt der Blinden“ und „Eine Zeit ohne Tod“ sehr empfehlen!

      • Das stimmt, bei all den ganzen tollen Neuerscheinungen jedes Jahr, verliert man ein Stück weit den Bezug zu etwas „älterer“ Literatur. Ich finde es bei mir selbst immer schade, wenn ich beobachte, dass ich nur noch den aktuellen Neuerscheinungen hinterherhetze.

        Deine Empfehlungen sind notiert, danke dir!

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