[Lesekreis] ~ Der Vorleser ~

Unter den sechs Büchern, die ich vor „Kain“ gelesen habe, finden sich auch sage und schreibe vier Lesekreis-Titel. Und da ich gerade an dieser Front in letzter Zeit ziemlich nachlässig gewesen bin, was das Verfassen von Rezensionen betrifft, freut es mich, dass ich nun immerhin eine erste Lesekreis-Rezension nachliefern kann. Zumal „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink für mich eines der besten Bücher, wenn nicht gar das beste Buch war, das wir bisher gelesen haben.

Die Geschichte wird vielen wohl spätestens seit der (sehr sehenswerten) Verfilmung mit Kate Winslet und Ralph Fiennes bekannt sein, deshalb will ich sie hier nur kurz umreißen. „Der Vorleser“ aus Bernhard Schlinks gleichnamigen Roman ist Michael Berg, der im Alter von 15 Jahren die zwanzig Jahre ältere Straßen-bahnschaffnerin Hanna kennenlernt. Mit ihr verbindet ihn bald eine ebenso leidenschaftliche wie komplizierte Beziehung, in der Bücher insofern eine besondere Rolle spielen, als dass Hanna regelrecht aufblüht, während Michael ihr vor dem eigentlichen Liebesakt mitunter stundenlang vorliest. Dieser intimen Unbeschwertheit steht jedoch Hannas verschwiegene, oftmals auch reizbare Art gegenüber, die Michael mehr als einmal verzweifeln lässt. Und eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Erst Jahre später sieht Michael, inzwischen Jurastudent, sie schließlich wieder – als Angeklagte in einem Auschwitz-Prozess.

So vieles ist bemerkenswert an diesem Roman, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit den Protagonisten, Michael und Hanna, die ebenso faszinierend wie zwiespältig sind? Mit der unkonventionellen, vielleicht sogar moralisch fragwürdigen Liebesgeschichte, die zwar nur einen Sommer andauert, Michael jedoch – wie sich herausstellen wird – bis ins Erwachsenen-alter prägt? Oder mit Michaels Schilderung des Prozesses gegen Hanna, in dessen Verlauf er schließlich den Grund für ihr oft unerklärliches, erratisches Verhalten erkennt? Eigentlich ist es egal, wo ich beginne, denn eine beeindrucke Leistung Schlinks besteht darin, dass er die „kleinen“ persönlichen Dramen konsequent in Beziehung setzt zum „großen“ Drama der 50er und 60er Jahre in Deutschland, dem allgemeinen Schweigen und Verdrängen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des erwachsenen Michaels, der hin und her gerissen ist zwischen seinen Gefühlen für Hanna, die selbst nach all den Jahren nicht völlig erloschen sind, und seiner Fassungslosigkeit darüber, dass er eine Verbrecherin geliebt hat. Selbst über den Prozess hinaus lässt ihn ihre Geschichte nicht los, sodass er schließlich noch einmal die Rolle des Vorlesers einnimmt, indem er der zu lebenslanger Haft verurteilten Hanna selbst besprochene Kassetten ins Gefängnis schickt. Zu einem Besuch kann er sich jedoch nicht durchringen, zu tief haben ihn ihre pragmatisch-kühlen Schilderungen der Vorgänge in Auschwitz verstört, zu ambivalent sind seine Gefühle für diese rätselhafte Frau.

Auch als Leser fällt es schwer, sich ein Bild von Hanna zu machen. Während sie einerseits auf eine ruppige Art durchaus liebevoll und fürsorglich sein kann, scheint sie gleichzeitig keinerlei Gefühl dafür zu haben, welch unfassbare Schuld sie auf sich geladen hat. Im Gegenteil, sie nimmt nach kurzem Zögern schließlich sogar noch die Schuld ihrer Mitangeklagten auf sich. Und alles nur, damit niemand erfährt, dass sie Analphabetin ist. Scham und Angst, das jemand hinter ihr Geheimnis kommen könnte, haben offenbar ihr ganzes Leben bestimmt. Das ändert nichts daran, dass Hanna eine extrem zwiespältigt Person ist, macht sie aber für michzu einer mindestens ebenso tragischen Gestalt wie Michael.

Bei all diesen emotionalen und moralischen Verstrickungen entwickelt Bernhard Schlinks Roman wiederum gerade durch die Reduziertheit und Knappheit seiner Sprache einen ganz eigenen Sog. Wodurch ihm auf beachtenswerte Weise zugleich das scheinbar Unmögliche gelingt – ohne Partei für eine Seite zu ergreifen aber auch ohne zu verurteilen, wirft sein Roman immer wieder Fragen auf, nach der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, nach persönlicher Schuld, nach Verantwortung für sich selbst und andere. Antworten liefert Schlink jedoch keine. Und das ist gut so – denn wie sagte schon der alte Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

~ Fazit ~

Ein auf sonderbare Weise ergreifender Roman über Schuld und Verantwortung, der sich sprachlich auf das Wesentliche beschränkt und vielleicht gerade deshalb so unter die Haut geht.   

Titel: Der Vorleser
Autor: Bernhard Schlink
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257229530

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen, Gesehen, Lesekreis

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s