~ Drawing Conclusions ~

So, von meiner Seite aus ist das Experiment “social reading” abgeschlossen. Nachdem ich meinem Kollegen eine ganze Weile Zeit gelassen habe, um aufzuholen, hatte er mir zwischenzeitlich dann doch erlaubt weiterzulesen. Nun bin ich mit meinem ersten Donna Leon Roman durch – darüber, wo mein Kollege sich derzeit in seinem Hörbuch befindet, kann ich nur mutmaßen… Man kann unser Experiment also getrost als gescheitert bezeichnen, wobei das kein Drama ist, denn die Gründe dafür sind wohl ebenso vielfältig wie zielgruppenabhängig. Wenn einer liest (im eigenen Tempo) und einer hört (im tendenziell langsameren Tempo des Sprechers), führt das zwangsläufig zu Diskrepanzen. Hinzu kommt, dass der jeweilige Leserhythmus und die Lesegewohnheiten bei uns beiden wohl doch stärker divergieren, als das bei Jugendlichen im etwa gleichen Alter und in ähnlichen Lebensverhältnissen der Fall wäre. Soviel dazu, nun noch ein paar Worte zum Buch an sich.

Dazu muss man sagen, dass meine starke Krimi-Phase inzwischen schon etwas zurückliegt. Früher habe ich z.B. gern Mary Higgins Clark gelesen oder auch die Thriller von Jilliane Hoffman. Inzwischen hat sich mein Lesespektrum dann doch in eine etwas andere Richtung entwickelt. Und daran hat „Drawing Conclusions“ nichts geändert, denn selbst wenn ich mich der Spannungs-literatur noch einmal zuwenden sollte – dieser Titel von Donna Leon ist definitiv nicht meine Art von Krimi. Bei genauerer Betrachtung würde ich ihn noch nicht einmal als Spannungsliteratur einordnen, einfach weil er für mich in weiten Teilen jeglicher Spannung entbehrt.

Krimis und Thriller müssen für mich echte page-turner sein, mit einer ordentlichen Portion Nervenkitzel und Dramatik, und dafür ist mir die Handlung hier viel zu ruhig dahingeplätschert. Brunetti hangelt sich von einem Gespräch zum nächsten, da wird hier mal ein bisschen geplaudert, dort mal ein etwas schärferer Ton angeschlagen – aber insgesamt, so scheint es mir, schleicht man die meiste Zeit lauernd umeinander herum wie die Katze um die Milch. Das führt dazu, dass sich die Dialoge mehr als einmal etwas zäh gestalten, weil jeder (auf eine mitunter penetrante Weise) darauf bedacht ist, nichts Falsches und nicht zu viel zu sagen, stattdessen ergeht man sich in Andeutungen und Reflexionen. Das ist per se nichts schlechtes, auf Dauer aber doch irgendwie ermüdend.

Hinzu kommt, dass ich mich stellenweise doch etwas verloren fühlte in Hinblick auf das Personal der venezianischen polizia, die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche und Verhältnisse der Kollegen untereinander. Wobei das anders sein mag, wenn man bereits mehrere Romane um Commissario Brunetti gelesen hat (und nicht unbedingt mit dem aktuellsten Titel anfängt). Brunetti selbst ist gar nicht mal unsympathisch, als Ermittler allerdings eher nicht mein Typ. Er hat ja durchauch eine ganz eigene, etwas raubeinige aber nichtsdestotrotz liebenswerte Persönlichkeit, dennoch ist er mir einfach zu oft ein wenig zu phlegmatisch.

Abgesehen davon ging es beim Lesen dieses Romans neben dem Thema „social reading“ ja auch und vor allem darum, eine klassische Whodunnit-Struktur nachzuvollziehen. Und die entwirft Donna Leon zunächst schon ganz geschickt: ein Unfall, der auch ein Mord gewesen sein könnte; verschiedenste Personen, die offenbar mehr wissen, als sie zugeben wollen; Details aus dem Leben des Opfers, die dessen Tod noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen… Leider ist die Auflösung ab einem gewissen Punkt dann aber doch relativ berechenbar und letzten Endes für meinen Geschmack zu wenig konklusiv.

~ Fazit ~

Wer Lust hat auf italienisches Flair und anschauliche Beschreibungen des venezianischen Stadtbildes und nebenbei vielleicht ein wenig Whodunnit sucht, der ist hier richtig – wer echte Spannung möchte, sollte doch eher zu einem Thriller à la Simon Beckett greifen.   

Titel: Drawing Conclusion
Autorin:
Donna Leon
Taschenbuch:
305 Seiten
Verlag:
Arrow Books
ISBN:
978-0-09-955977-1

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