~ Still Missing. Kein Entkommen ~

Nun kommt nach langem Stillschweigen endlich mal wieder eine Rezension – und natürlich erstmal zu einem Titel, den ich schon vor Wochen, wenn nicht gar Monaten gelesen habe. Vermutlich fällt sie deshalb auch etwas kürzer aus, da mein Lese-eindruck nicht mehr wirklich frisch ist und man sich zu solchen Büchern auch irgendwie nur schwer äußern kann. Jedenfalls befand sich „Still Missing“ schon seit geraumer Zeit auf meinem E-Reader, ich hatte gerade kein anderes Buch zur Hand und so führte eins zum anderen. Dazu muss ich sagen, dass ich schon eine ganze Weile keinen Thriller mehr gelesen habe, und dann gleich mit diesem Debüt von Chevy Stevens einzusteigen, war vermutlich etwas gewagt…

In „Still Missing“ erzählt die 32-jährige Protagonistin Annie in einem Monolog, der sich über 26 Therapie-Sitzungen (= Kapitel) erstreckt, von den schier endlosen Monaten, die sie in der Gewalt eines Mannes verbrachte, der sie am hellichten Tag entführt und ihr in einer einsamen, vollkommen isolierten Blockhütte Tag für Tag das Leben zur Hölle gemacht hat. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen – nur so viel: Annies Martyrium ist nichts für schwache Nerven. Ob der speziellen Erzählweise weiß man zwar von Anfang an, dass sie überlebt – doch die Frage nach dem wie und was sie während ihrer Gefangen-schaft erleiden musste, macht es schwer, das Buch wegzulegen. Und selbst nachdem sie ihrem Peiniger entkommen kann, nimmt der Albtraum kein Ende, denn die Hinweise verdichten sich, dass der Psycho, wie sie ihn nur nennt, einen Partner oder Auftraggeber hatte…

Beim Lesen der Geschichte habe ich mich immer wieder gefragt, wie man sich so etwas ausdenken kann… Das ist gar nicht unbedingt negativ gemeint – was Chevy Stevens ihre Protagonistin in jener Hütte durchleiden lässt, ist einfach so unfassbar. Im Gegensatz dazu ist ihr Stil klar und schnörkellos, sie beschönigt das Geschehen nicht, ergeht sich aber auch nicht in reißerischen Beschreibungen – was der Spannung allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Im Wechselspiel zwischen den Rückblicken auf die verstörenden Ereignisse ihrer Gefangenschaft und den Schilderungen der Gegenwart, in der eben jene Ereignisse Annie noch immer verfolgen, entwickelt dieser Thriller einen enormen Sog.

Obwohl ich jedoch – wie bereits gesagt – das Buch (bzw. meinen eReader samt eBook) schwerlich aus der Hand legen konnte, habe ich zugleich das Gefühl, innerlich immer eine gewisse Distanz bewahrt zu haben. Vielleicht weil ich mir nicht vorstellen kann und will, dass so etwas tatsächlich passiert. Unabhängig davon finde ich es jedoch bemerkenswert, dass Chevy Stevens sich eben nicht an der Grausamkeit dessen ergötzt, was ihrer Protagonistin widerfährt, sondern sich darauf konzentriert, authentisch (sofern man davon sprechen kann) und auf eindringlich-packende Weise darzustellen, wie diese Erlebnisse Annie physisch und psychisch gezeichnet haben.

Mit Annie O’Sullivan hat Chevy Stevens dabei eine außerordentlich facettenreiche Protagonistin geschaffen. Einerseits ist sie tough, scharfsinnig und nicht auf den Mund gefallen, andererseits aber auch durch und durch menschlich, verletzlich und keinesfalls unfehlbar. Und gerade weil Annie eine so starke und glaubhafte Persönlichkeit ist, ist es umso erschütternder mitzuerleben, wie zutiefst traumatisiert sie durch das ist, was ihr angetan wurde. Wie sehr sie darum ringt, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – obwohl ihr und dem Leser klar ist, dass sie nie mehr der Mensch sein wird, der sie einmal war.

~ Fazit ~

Ein psychologisch dichter Thriller, der unter die Haut geht und noch lange nachklingt. Einziger Wermutstropfen: Die unerwartete Auflösung, die mich persönlich nicht überzeugt hat – deshalb „nur“ 3,5 Sterne. 

Titel: Still Missing. Kein Entkommen
Autorin: Chevy Stevens
eBook: 416 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-401690-0

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