~ Vor dem Fest ~

"Vor dem Fest" von Saša StanišićEs liegt ja in der Natur einer Rezension, dass sie grundsätzlich subjektiv ist – ich fürchte allerdings, dass ich im Falle von „Vor dem Fest“ in besonderem Maße voreingenommen bin. Ich hatte ja bereits in meinem Beitrag „Die Literatur lässt mich nicht los…“ kurz von der Pilotenlesung mit Saša Stanišić und Katharina Adler berichtet, die mich wirklich begeistert und auch prompt dazu verleitet hat, mir „Vor dem Fest“ noch an Ort und Stelle zu kaufen. Und ich muss sagen, dieser Roman war das perfekte Mittel, um den traurigen literarischen Nachgeschmack von  Zitronenkuchen zu vertreiben.

Saša Stanišić entführt den Leser in seinem Roman ins uckermärkische Fürstenfelde, wo sich die Dorfbewohner gerade auf das jährliche Annenfest vorbereiten bzw. vorbereitet haben, denn inzwischen ist es Nacht. Die Nacht vor dem Fest – doch nicht alle finden in dieser Nacht Ruhe: Die Malerin Frau Kranz, die seit 1945 ausschließlich Fürstenfelde und Umgebung malt, hat es sich in den Kopf gesetzt, ihrer beachtlichen Motivsammlung endlich ein Nachtbild hinzuzufügen. Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, ringt mit einem Zigarettenautomaten und mit der Frage, ob es noch lohnt, am Leben zu bleiben. Der Fährmann – ist leider tot. Und zu allem Überfluss wurde auch noch ins Haus der Heimat eingebrochen…

Dass Fürstenfelde, obwohl es durchaus das eine oder andere Vorbild in der Realität zu haben scheint, letzten Endes fiktiv ist, nimmt dabei weder der Geschichte, noch den Figuren, die sie bevölkern, etwas von ihrer Lebendigkeit. Und das liegt vor allem daran, dass jede Person in diesem Roman ihre ganz eigene Sprache hat, die sie auf prägnante Weise charakterisiert und ihr Kontur verleiht. Selbst einer Füchsin, auf der Suche nach Eiern für ihre Jungen, gibt Saša Stanišić eine Stimme, von der man ohne Weiteres glauben könnte, dass das Tier seine Umgebung genau so wahrnimmt. Wenn ich mich recht erinnere, hat es Saša Stanišić im Rahmen der Lesung so formuliert, dass er „ein Dorf aus Sprache“ schaffen wollte – und das ist ihm, aus meiner Sicht, ganz klar gelungen.

Eine weitere Besonderheit, auf die während der Lesung eingegangen wurde, ist die spezielle Erzählweise. Denn es ist keine konkrete Person, die im Laufe der Nacht an der Seite der Ruhelosen durch das Dorf streift und das Geschehen kommentiert. Es ist ein „Wir“, eine Art kollektives Gedächtnis des Dorfes, das den Leser – ebenfalls mit einer ganz eigenen Stimme – durch die Ereignisse der Nacht führt. Und diese Stimme,  mal nostalgisch, mal fast poetisch, stets mit einem ganz eigenen Humor, hat es mir besonders angetan:

„Im Haus der Heimat steht auf einer Kommode neben dem Besucherklo ein kleiner Fernseher. Der Fernseher hat einen integrierten Videorekorder. Wir finden das praktisch und gut und sind erstaunt und unglücklich darüber, dass sich Kombilösungen wie diese nicht haben durchsetzen können“. (S. 160)

Natürlich hat man selten die Gelegenheit und das Glück, sich vom Autor höchstselbst sein Werk „erklären“ zu lassen. In diesem Fall kann ich daher nun nicht mit Sicherheit sagen, wie ich die Erzählweise ohne dieses „Hintergrundwissen“ verstanden und gefunden hätte. Da ich aber spätestens seit Terry Pratchett großer Fan „anthropomorpher Personifizierungen“ bin, hat mich dieses Wir durch seine Sprache und seine Sicht auf die Dinge mit diesem Hintergrundwissen quasi doppelt begeistert.

Doch es sind nicht nur Menschen, die in dieser Nacht durch das Dorf streifen und deren Leben und Geschichten sich kaleidoskopartig, manchmal auch nur in Fragmenten zu einem stimmungsvollen Mosaik des Dorflebens fügen. Auch der Einbruch ins Haus der Heimat spielt eine entscheidende Rolle und das erzählende Wir warnt nicht ohne Grund:

„Hier geht es anders zu als in den Touristenführern, in den Büchern, den demografischen Studien. Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.“ (S. 163)

Und so erhält der Roman in der zweiten Hälfte noch einmal eine besondere Dynamik, als die Grenzen zwischen der Vergangenheit – in Form von in den Text eingestreuten Sagen und Erzählungen in barocker Sprache – und der Gegenwart verschwimmen und eben diese alten Geschichten und Sagen in der Nacht vor dem Fest ein geradezu mystisches Eigenleben annehmen… Davon hätte ich mir glatt zu Beginn des Buches schon ein wenig mehr gewünscht.

Letzten Endes spiegeln die Geschichten und Episoden, aus denen sich der Roman zusammensetzt, an vielen Punkten auch das leise Sterben dieses Ortes wider, der Heimat für die unterschiedlichsten Menschen war und ist.  Wo es früher noch mehrere Kneipen gab, gibt es jetzt nur noch Ullis Garage als Ort, an dem die Männer trinken, rauchen und unter sich sein können. Es gibt keine Tankstelle mehr, dafür „brandenburgische Industrieruinen“. Doch auch das mitunter nostalgische Erinnern, das Festhalten an der Vergangenheit, ohne die es kein Heute und auch kein Morgen geben würde, flicht Saša Stanišić beinahe leichtfüßig in seinen Roman. Denn auch davon lässt sich das erzählende Wir nicht unterkriegen:

„Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden von keinem Plan zu. Oder dem Plan, wegzugehen. […] Die Leute sagen, ein paar Generationen noch, länger geht das hier nicht. Wir glauben: Es wird gehen. Es ist immer irgendwie gegangen. Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot, Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.“ (S. 13)

~ Fazit ~

„Vor dem Fest“ ist stilistisch wahrlich ein Kunstwerk, das mich aber auch jenseits der beeindruckenden Sprachvielfalt fabelhaft unterhalten hat. Allzu leicht kann man sich im kunstvollen Geflecht der Geschichten und  geschickt komponierten Details verlieren und wünscht sich, dass diese lange Nacht nie zu Ende gehen möge. 5 Sterne

Titel: Vor dem Fest
Autor: Saša Stanišić
Verlag: Luchterhand
Hardcover: 315 Seiten
ISBN: 978-0-09-953827-1

 

7 Kommentare

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7 Antworten zu “~ Vor dem Fest ~

  1. Das ist eine richtig schöne, kluge Lesart, danke dafür. Und du hast recht, sicher lenkt das ein wenig, wenn der Autor einige Fragen schon beantwortet hat, aber du ergänzt das ja wunderbar und dem Autor sollte man ja eh nicht trauen (Ich gebe oft andere Antworten zu ähnlichen Fragen, die Fiktion ist unberechenbar in ihrer Absicht, auch für mich).

    Und: Die Nacht geht bei mir weiter!

    • Vielen Dank für das prompte und nette Feedback.
      Ich habe schon entdeckt, dass man auf deinem Blog nach Fürstenfelde zurückkehren kann – und ich freue mich darauf, die eine oder andere liebgewonnene Figur dort wiederzutreffen.

  2. Hat dies auf Fürstenfelde, Uckermark. Einwohnerzahl: ungerade. rebloggt und kommentierte:
    Schöne, kluge Lesart des Festes.

  3. Pingback: “Vor dem Fest” Ein Leseeindruck « Familienbande

  4. Pingback: (Rezension) Vor dem Fest von Saša Stanišić | Bücherphilosophin.

  5. Ich hab das Buch auf dem SuB und freu mich schon sooo drauf!

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