Roger Willemsen: Kleine Lichter

Roger Willemsen: Kleine LichterDieser Roman war eines der vier Beutestücke meines letzten Bücherschnäppchen-Kaufrausches. Angesprochen und neugierig gemacht hat mich vor allem der Klappentext: „Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie Kassetten, die ihn wieder ins Leben zurückführen – zurückver-führen – sollen. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach – bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen.“

Nun habe ich zwar durchaus bekommen, was der Klappentext versprochen hat – so recht überzeugen konnte mich das literarische Debüt von Roger Willemsen allerdings trotzdem nicht. Der Hauptgrund dafür mag darin liegen, dass die Handlung des Romans über die im Klappentext geschilderte Situation eben auch nicht hinausgeht. Am Bett des Liebsten sitzend lässt Valerie die gemeinsame Geschichte noch einmal vor ihrem und – wie sie hofft – auch vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Was in meiner Vorstellung die ideale Projektionsfläche für eine Liebesgeschichte voller großer Gefühle geboten hätte, präsentiert sich in den Worten von Roger Willemsen jedoch eher als ein beinahe-philosophischer Diskurs über die Liebe an sich, ihr Wesen und ihre Sprache.

Auch das deutet sich zugegebenermaßen im Klappentext an, trotzdem habe ich etwas anderes erwartet. Zumal das beschriebene Grundmotiv auch ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine wesentlich emotionalere Geschichte gewesen wäre. Wie eine moderne Version der Scheherazade erzählt Valerie Tag um Tag, doch es ist nicht ihr Leben, das sie auf diese Weise retten will, sondern das des Geliebten:

„Deshalb macht man wahrscheinlich in der Leidenschaft nie etwas anderes, als was ich hier versuche: Den Geliebten zu erwecken, ihn in seine Existenz zu holen, ihn so mit Gefühlen zu bestrahlen, dass er leben muss.“ (S. 57)

Hach, es hätte so romantisch sein können…

Leider gerät das Heraufbeschwören der gemeinsamen Zeit dann aber eben immer wieder zu einem ausufernden Theoretisieren. Und das obwohl Roger Willemsen seine Protagonistin bereits auf der ersten Seite ankündigen lässt: „Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine.“ (S. 5) Weil sich dann aber doch auch ein akribisches Erörtern des Phänomens der Liebe mehr oder minder durch das gesamte Buch zieht, kann ich noch nicht einmal wirklich den Finger auf eine Passage legen, die mich besonders gestört hätte. Es ist vielmehr das Gefühl eines unausgewogenen Gesamteindrucks, das mich durch einen Großteil des Buches begleitet hat.

Natürlich erfährt man einige Details aus der Geschichte von Valerie und Rashid, erlebt zumindest teilweise mit, wie die Liebe diese beiden Menschen aber auch sich selbst im Laufe der Zeit verändert. Angefangen bei Valeries früheren Liebschaften, in denen sie – so scheint es – doch nur eine Form der lieblosen Liebe kultiviert hat; über die erste Begegnung der beiden in einem Londoner Restaurant und darüber, wie sie sich trotz geographischer Entfernung (Rashid lebt und arbeitet in Wien, Valerie in Tokio) erst zögerlich, dann immer stärker aufeinander einlassen; bis hin zu dem sehnsüchtigen Wunsch, sich gegenseitig immer neu zu entdecken und doch – hoffentlich – nie restlos alles übereinander zu wissen:

„Was man sonst Liebe nennt, ist eher ein Aufbruch zum Geliebten. Für das Glück muss man eine lange Reise daraus machen. Deshalb sind die Undurchsichtigen die besten Geliebten. Deshalb fehlst du so sehr. […] Fällt eine Liebe, die alles weiß, nicht bald in sich zusammen? Muss sie nicht ahnen und glauben und nimmersatt sein?“ (S. 69/70)

Nichtsdestotrotz ertappte ich mich beim Lesen immer wieder dabei, wie ich mir schlicht mehr Erzählung, weniger Philosophieren gewünscht hätte. Auch etwas mehr Emotionalität hätte der Geschichte für meinen Geschmack gut zu Gesicht gestanden. Denn obwohl ich den monologischen Charakter des Romans spannend fand (auch und vor allem aufgrund eines fehlenden Korrektivs durch den Partner, Familie oder Freunde), war diese Form des Erzählens, des Theoretisierens und mithin gar des Sezierens für mich zugleich der Tod jeden Gefühls. Denn man kann Dinge in der Tat auch zerreden… Was letzten Endes ebenfalls ein Grund dafür gewesen sein könnte, dass ich wenig bis gar nicht mit Valerie mitfühlen und mich kaum mit ihr identifizieren konnte. Ihr Schicksal ist mir seltsam fremd geblieben, es hat mich – das muss ich leider sagen – beinahe kalt gelassen.

~ Fazit ~

Wer auf eine gefühlvolle Liebesgeschichte hofft, sollte wohl eher zu einem anderen Buch greifen. Zugutehalten kann ich Roger Willemsen allerdings, dass sein Roman bei allem Theoretisieren doch mit ein paar wirklich schönen und klangvollen Weisheiten über das Phänomen der Liebe aufwartet. Das macht das Fehlen einer (emotionsgeladenen) Handlung zwar nicht wett, hat mich aber zumindest ein wenig entschädigt. 2,5 Sterne

„Liebe ist die fehlende Vokabel, ist das, was nicht anders gesagt werden kann und was nicht gesagt werden muss, weil es sich selbst ausspricht.“ (S. 77)

Titel: Kleine Lichter
Autor: Roger Willemsen
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
Taschenbuch: 206 Seiten
ISBN: 978-3-596-17044-9

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