Lois Lowry: The Giver

The GiverFür gewöhnlich versuche ich ja, Besprechungen zu den Büchern, die ich gelesen habe, auch in der Reihenfolge zu veröffentlichen, in der ich die Bücher gelesen habe. Aber Regeln oder Vorsätze – vor allem selbst auferlegte – sind ja bekanntermaßen dazu da, um gebrochen zu werden. Eine Weisheit, die tatsächlich auch gut zu dem kleinen aber feinen Buch passt, für das ich heute die Chronologie mal Chronologie sein lasse. Aufmerksam geworden bin ich auf diese Utopie/Dystopie über einen Facebook-Post, der die Verfilmung des Titels ankündigte. Der Trailer hat mich neugierig gemacht, also habe ich mir spontan das Buch bestellt.

Auf nicht einmal 200 Seiten entwirft Lois Lowry eine Welt, die auf den ersten Blick perfekt scheint: Es gibt keine Angst, keinen Schmerz, keinen Krieg. Das Leben läuft von der Geburt bis ins Alter in geregelten Bahnen und jedem Bewohner der „Community“ wird im Alter von 12 Jahren eine klar definierte R0lle zugeordnet, sei es Erzieher, Ingenieur oder Altenpfleger… Als Jonas, der Protagonist des Buches, 12 Jahre alt wird, verleiht ihm das „Committee of Elders“ eine ganz besondere Rolle. Ihm wird die ehrenvolle Aufgabe zuteil, als „Receiver of Memory“ eine spezielle Ausbildung von jenem Mann zu erhalten, der „The Giver“ genannt wird. Er allein bewahrt die Erinnerungen von Generationen von Menschen, Erinnerungen an ein Leben vor der Community. Erinnerungen, die Jonas Stück für Stück begreifen lassen, wie hoch der Preis für das behütete Leben, das er, seine Familie und seine Freunde führen, wirklich ist…

In zahlreichen Sitzungen und eindrucksvollen Szenen überträgt der „Hüter der Erinnerungen“, wie er in der deutschen Übersetzung heißt, Jonas die Erinnerung an Dinge, die dieser zunächst weder kennt noch benennen kann: Wetterphänomene, Farben, Gefühle. All jene Dinge, die vor langer Zeit dem Diktat der „Sameness“ zum Opfer fielen, weil sie unpraktisch und unvorhersehbar sind:

The Giver shrugged. „Our people made that choice, the choice to go to Sameness. Before my time, before the previous time, back and back and back. We relinquished color when we relinquished sunshine and did away with differences.“ He thought for a moment. „We gained control of many things. But we had to let go of others.“ (S. 95)

Doch Jonas ist nicht nur ein Protagonist, den man aufgrund seiner Unbedarftheit und Offenheit schnell ins Herz schließt. Er ist für sein Alter auch erstaunlich weise und durchläuft im Zimmer des Hüters der Erinnerungen eine Entwicklung, die Lois Lowry trotz seines jungen Alters beeindruckend und glaubhaft vermittelt. So begreift er z.B. schnell, dass man, wenn es keine Unterschiede gibt, auch nie eine Wahl hat. Und obwohl er einräumt, dass wer eigene Entscheidungen trifft, auch falsche Entscheidungen treffen kann, lässt ihn das Gefühl nicht los, dass er nichtsdestotrotz gern eine Wahl hätte.

Je mehr Jonas erfährt, desto kritischer hinterfragt er auch die Gesellschaft, in der er lebt, und die Regeln, nach denen diese funktioniert. Denn neben Erinnerungen an ungezähmte Natur, glückliche Momente und wirkliche Gefühle muss Jonas auch am eigenen Leib erleben, was Hunger, Schmerz oder Einsamkeit bedeutet. Und immer stärker empfindet er dabei die Ungerechtigkeit, die Last der Erinnerungen – wie auch sein Lehrmeister – allein tragen zu müssen:

„The worst part of holding the memories is not the pain. It’s the loneliness of it. Memories need to be shared.“ S. 154

Sprachlich merkt man dabei durchaus, dass „The Giver“ ursprünglich ein Jugendbuch ist. Lange Schachtelsätze oder komplizierte Gedankenkonstrukte: Fehlanzeige. Das tut der Wirkung dieses Romans jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, es verleiht ihm vielleicht sogar besonderen Nachdruck eben weil er sich auf das Wesentliche beschränkt. Und ganz unverklausuliert essenzielle Fragen aufwirft, die Jugendliche ebenso wie Erwachsene nachhaltig beschäftigen können: Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen für ein Leben ohne Angst und Schmerz? Was bleibt, wenn wir keine eigenen Entscheidungen mehr treffen können oder dürfen? Und wie weit werden wir gehen für ein selbstbestimmtes Leben?

~ Fazit ~

„The Giver“ ist kleines Buch mit großer Wirkung, das auch nach über 20 Jahren nichts von seiner Prägnanz verloren hat und auf bewegende Weise, in leicht verständlicher Sprache einige tiefgreifende Denkanstöße liefert.   4,5 Sterne

Titel: The Giver
Autorin: Lois Lowry
Verlag: Laurel-Leaf Books
Taschenbuch: 179 Seiten
ISBN: 978-0-440-23768-6

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