„Chaos ist Ordnung – jedoch unentschlüsselt“

© capelight pictures

Nanu, dachte ich mir beim Lesen der Filmbeschreibung zu „Enemy“ von Denis Villeneuve, das klingt doch ganz nach „Der Doppelgänger“ von José Saramago: Ein Lehrer bzw. Geschichtsprofessor wird aus seinem recht monotonen Leben gerissen, als er in einem Film einen Schauspieler entdeckt, der ihm bis aufs Haar gleicht. Verstört und doch auch fasziniert macht er sich auf die Suche nach jenem Mann, eine Suche, die schnell Züge einer Obsession annimmt, ihn hineinzieht in das Leben des Fremden – und das seiner hochschwangeren Frau…

Auf den zweiten Blick (in die rechte untere Ecke des Filmposters) hat sich mir der Grund dafür, dass „Enemy“ solche Ähnlichkeiten mit einem ’saramagischen‘ Roman aufweist, den ich leider noch nicht gelesen habe, schnell erschlossen: Denn eben dieser Roman diente Villeneuve als Vorlage für sein düsteres Verwirrspiel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Obwohl der Film laut verschiedener Besprechungen wohl eher eine freie Interpretation des Romans darstellt, war der Kinobesuch für mich als großen Fan von Saramago quasi Pflicht –  und er hat mich nicht enttäuscht. Denn die eigenwillige Bildsprache, das Farbspektrum und die ganze Art der Inszenierung haben eine Atmosphäre geschaffen, die mich mehr als einmal an die oft surreale, mitunter  beklemmende Stimmung erinnert hat, die auch Saramagos Texte auszeichnet.

Hinzu kommt, dass ich Jake Gyllenhaal spätestens seit dem ebenfalls von Villeneuve inszenierten Entführungsdrama „Prisoners“ als einen wirklich guten Schauspieler schätzen gelernt habe, der in „Enemy“ nun sogar in einer Doppelrolle glänzt, als Geschichtsprofessor Adam Bell und Schauspieler Anthony Claire. Dabei verleiht er beiden Figuren auf eindrucksvolle Art und Weise einen ganz eigenen Charakter. Und er trägt mit seiner schauspielerischen Leistung wesentlich dazu bei, dass ich als Zuschauerin mit Spannung und hin und wieder sogar mit Gänsehaut verfolgt habe, wie die beiden Männer sich immer mehr in einem gefährlichen Netz aus in Frage gestellten, willentlich oder erzwungenermaßen getauschten Identitäten verfangen. (Die Spinnensymbolik, auf die Villeneuve dafür mehrfach zurückgreift, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht – aber es sei ihm gegönnt.)

~ Fazit ~

Eine Empfehlung nicht nur für Fans von Saramago, sondern für alle, die bereit sind, sich auf das ebenso spannende wie surreale Verwirrspiel einzulassen, das Villeneuve inszeniert – und nicht unbedingt große Verfechter klarer Auflösungen sind…

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