Juli Zeh: Spieltrieb

Spieltrieb„Der blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“ (S. 10)

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Spieltrieb“ von Juli Zeh gelesen habe. Und so sehr mich dieser Roman beeindruckt und beschäftigt hat, so schwer habe ich mich damit getan, meine Gedanken und Eindrücke dazu in Worte zu fassen. Denn ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, dessen Lektüre so fordernd und zugleich so faszinierend war. Deshalb entschuldige ich mich im Voraus dafür, dass diese Besprechung wohl etwas länger ausfallen wird…

Allerdings fällt mir schon der Einstieg alles andere als leicht, denn Juli Zeh entfaltet auf über 500 Seiten eine so komplexe, vielschichtige Geschichte, dass man ihr nicht gerecht wird, wollte man die Handlung in ein paar Sätzen zusammenfassen. Ich versuche also, mich über die Charaktere heranzutasten, für deren Einführung sich Juli Zeh auch durchaus Zeit lässt… Das Hauptaugenmerk gilt dabei zunächst Ada, „der blonden Stoikerin mit der ewigen Zigarette zwischen den Lippen“ (S. 43), die mit ihren 15 Jahren sämtlichen Erwachsenen im Buch gefühlt um Lichtjahre voraus ist:

„Seit Ada im Alter von zwölf Jahren auf den Gedanken verfallen war, dass Sinnsuche nichts als ein Abfallprodukt der menschlichen Denkfähigkeit sei, galt sie als hochbegabt und schwer erziehbar.“ (S. 12)

Auch mit den Klassenkameraden an ihrer neuen Schule, dem auf „Problemfälle“ spezialisierten Ernst-Bloch-Gymnasium, kann Ada wenig bis gar nichts anfangen, sie bleibt meist für sich und liest viel. Hin und wieder sieht sie sich jedoch genötigt, ihre Mitschüler auf deren eingeschränkte Sichtweisen hinzuweisen – womit sie sich nicht unbedingt Freunde macht. Darüber hinaus kreuzt ihr Weg auf Ernst-Bloch u.a. auch den des bodenständigen Deutsch- und Sportlehrers Smutek, mit dem sie allerdings bis auf die Begeisterung fürs Laufen anfangs wenig verbindet. Nichtsdestotrotz führt Zeh auch Smutek mit viel Liebe zum Detail ein, lässt den Leser teilhaben an der Vergangenheit des Lehrers und beleuchtet die Beziehung zu seiner Frau, seinem „Schneewittchen“.

Doch obwohl diese beiden Hauptcharaktere ebenso wie die Nebenfiguren, die Juli Zeh auf den ersten Seiten in aller Ausführlichkeit präsentiert, mich schnell in ihren Bann zogen, habe ich den Einstieg stellenweise als etwas träge und handlungsarm empfunden. Damit war es allerdings spätestens an dem Punkt vorbei, als Alev die Bühne betritt. Alev El Qamar, 18 Jahre alt, Halbägypter und Rhetoriker mit Sphinxaugen, dem Smutek schon auf Seite 127 bescheinigt, er habe „die Intelligenz und Härte eines Wahnsinnigen an sich“. Was ihn darüber hinaus auszeichnet, ist sein unbedingter Wille zur Macht im Kleinen wie im Großen und eine Aura, der sich nicht einmal Ada entziehen kann:

„[…] jene geheimnisvolle Aura, jene nicht unmenschliche, nicht übermenschliche, aber gewissermaßen antimenschliche Fehlerlosigkeit in allen seinen Bewegungen, die Ada gleich in erster Sekunde für sich selbst reklamiert hatte. Rings um ihn lag ein Territorium, das ihr den einzig möglichen Platz zum Leben versprach.“ (S. 137)

Und obwohl oder vielleicht gerade weil Ada die Natur von Alevs Interesse an ihr durchaus erkennt, setzt sein Auftauchen eine Kette von Ereignissen in Gang. Langsam zunächst, wie eine Maschine, die erst einmal Geschwindigkeit aufnehmen muss, sich jedoch kaum mehr aufhalten lässt, sobald sie in Fahrt ist. So entwickelt sich zwischen Alev, Ada und Smutek Gespräch um Gespräch, Zug um Zug ein verhängnisvolles Spiel jenseits aller Wert- und Moralvorstellungen, in dem Gut und Böse nicht mehr sind als ein strukturelles Problem…

„Es gibt kein Für und Wider, keine Gründe für rechts oder links. Die menschliche Entscheidung ist nichts weiter als ein vortrefflich einstudiertes Spiel.“ (S. 175)

Auf geradezu virtuose Weise erzählt Juli Zeh dabei nicht nur eine atemberaubende Geschichte über Verführung und Macht, sie spickt diese auch gekonnt mit allerhand polarisierenden Diskursen, die sich nahtlos in die Handlung einfügen. Sei es über die Gegenwart, die sich höchstens historisch als zukünftige Vergangenheit begreifen lässt, über die Unabhängigkeit des Universums von aller menschlichen Existenz oder das Erbe der Postmoderne:

„Aber auch wenn im Zeitalter der Zitate die Wirklichkeit längst angefangen hatte, ihre Abbilder zu kopieren; auch wenn glückliche Schicksale und schrecklich Tragödien unzählige Male vorgelebt worden waren in Büchern und Filmen und nur noch als Reproduktionen, als Plagiate oder Parodien existierten; wenn inzwischen alles als etwas identifizierbar war und man beim Herumirren im Spiegelkabinett nur noch zufällig über Wirkliches stolperte, sich die Zehen blutig stieß und ausrief: Nanu, das war kein Zitat, das lag im Weg!; wenn es beim Auffüllen der gängigen Muster nur noch so viel Freiraum gab wie beim Malen nach Zahlen – was Ada erlebte, war dennoch anders.“ (S. 136/37)

Doch nicht nur diese an Metaphern und Gleichnissen reichen Ausschweifungen haben „Spieltrieb“ sprachlich für mich zu einem – wenn auch anspruchsvollen – Vergnügen gemacht. (Was sich, wie der eine oder andere vielleicht bemerken wird, in einem regelrechten Zitatrausch in dieser Besprechung niederschlägt… Dabei habe ich schon versucht, eine Auswahl zu treffen – was mir jedoch alles andere als leicht gefallen ist!) Juli Zeh spinnt darüber hinaus ein feinmaschiges Netz aus sprachlichen Spiegelungen und Querverweisen. So wiederholt sich, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Auseinandersetzung zwischen dem Geschichtslehrer Höfi und Rektor Teuter später quasi verbatim innerhalb eines Schlagabtauschs zwischen Alev und dem neuen Geschichtslehrer Hauser – wodurch die Charaktere auf hintergründige Weise nochmals zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Zugleich überschneiden sich auch an diversen Punkten die Handlungen und Erlebnisse der einzelnen Charaktere und manche Übergänge haben einen beinahe szenischen Charakter, Filmschnitten nicht unähnlich. Um nicht zu sehr auszuufern sei als Beispiel dafür an dieser Stelle nur kurz das Kapitel „Die Welt ist eine Lasagne“ erwähnt, mit einem beeindruckend-bildhaften Crescendo im Regen, das unter die Haut geht… Von den stimmungsvoll-bedeutungsschweren Natur- und Wetterbeschreibungen (bis auf noch ein winziges Zitat) ganz zu schweigen:

„Glatt war der Himmel aufgespannt, ein runder Mond setzte die Lichterreihe der Laternen über dem Wasser fort, Zebrastreifen aus Licht musterten dem Fluss den Rücken. Schwarz lag das Siebengebirge in stadtnahem Schlaf.“ (S. 273)

Letzten Endes sind es aber eben doch immer wieder die speziellen Haupt- wie Nebenfiguren, die den Roman tragen und ihm eine ganz besondere Faszination verleihen: Ada, Alev und Smutek, Smuteks Schneewittchen, der sympathisch-kratzbürstige Geschichtslehrer Höfi, Adas überforderte Mutter, ihr Stiefvater… Gemein ist ihnen, dass sie allesamt weit davon entfernt sind, in die Kategorie der schillernden Helden zu fallen. Sie sind widersprüchlich, eigensinnig und manchmal kauzig, bewegen sich jenseits gängiger Schemata, haben jede Menge Ecken und Kanten – und vermutlich macht gerade das ihren Charme aus bzw. macht es die Figuren von Juli Zeh einfach unglaublich lebendig.

Ich tue mich zugegebenermaßen schwer mit der Vorstellung, dass es solche Menschen wie Ada und Alev wirklich geben soll: „Urenkel der Nihilisten“, die dem Nichts huldigen und denen alles gleich-gültig ist. Ihr Teufel „ist nicht die Anwesenheit von etwas, auch nicht von etwas Schlechtem, sondern dessen vollkommene Abwesenheit. Er ist No-Thing, das Nichtvorhandensein einer Vorstellung von Richtig oder Falsch, ein leerer Zwischenraum.“ (S. 232) Davon zumindest versucht Alev Ada, in der er eine Verwandte im Geiste zu erkennen glaubt, im Verlauf des Romans immer wieder zu überzeugen. Und Juli Zeh beschreibt gerade diese beiden, dieses ‚duo infernale‘ mit seiner post-nihilistischen Sicht auf das Leben und die menschliche Existenz, mit solcher Klarheit, Selbstverständlichkeit und Konsequenz, dass es ebenso überzeugend wie verstörend ist:

„Ein Zwischenziel bestand darin, Adas Fähigkeiten in seine Dienste zu nehmen. Ihr Schweigen war seine Deckung, aus der heraus er zielen konnte mit aller gebotenen Ruhe und Präzision. Ihre Mauern waren hart und kalt und würden Angriffen trotzen, denen Alev allein nicht standhalten konnte. Allein war er ein Partisane, zusammen waren sie eine Armee.“ (S. 167)

In Smutek, dessen wohlgeordnete Existenz im Laufe der Handlung immer mehr Risse bekommt, finden sie ein vermeintlich ideales Objekt für ihren spieltheoretischen Versuchsaufbau. Ob er allerdings wirklich nur Opfer in einem perfiden Spiel ist, dessen Regeln von Alev und Ada diktiert werden, darf bezweifelt werden. Denn Juli Zeh lässt die Grenzen zwischen Täter(n) und Opfer(n) immer wieder aufs Neue spannungsvoll verschwimmen, sodass ich am Ende des Romans mit dem leisen (aber nicht unangenehmen) Gefühl zurückblieb, nach wie vor nicht mit Bestimmtheit sagen zu können, was Teil des Spiels war und was echt…

~ Fazit ~

Ein ebenso fordernder wie faszinierender Roman über das Spiel als die mutmaßlich „letztmögliche und deshalb letztglückliche Seinsform für unsere Gattung.“ (S. 547) 5 Sterne

Und weil mich „Spieltrieb“ nicht nur nachhaltig beeindruckt hat, sondern vermutlich auch der erste Roman ist, von dem ich einen Ohrwurm bekommen habe, möchte ich die Besprechung an dieser Stelle mit einer Hommage an Don Camisi abschließen:

Titel: Spieltrieb
Autorin: Juli Zeh
Verlag: btb
Taschenbuch: 566 Seiten
ISBN: 978-3-442-73369-9

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen, Lesekreis

2 Antworten zu “Juli Zeh: Spieltrieb

  1. Pingback: Stammtischgeflüster #3 | Bibliomaniac's Diary

  2. auch bei mir ist es schon einige Jahre her, das ich dieses Buch gelesen habe. Aber auch mich hat es begeistert und ich danke dir dafür, das du meine Erinnerung an „Spieltrieb“ ein wenig aufgefrischt hast🙂
    lieben Gruß
    Agnieszka

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