Sadie Jones: The Outcast

The Outcast “There was a sudden stillness like the gap between ticks on a clock, but the next tick never coming.” (S. 102)

Ich erwähnte ja im Beitrag zu „The Uninvited Guests“ bereits, dass ich durchaus geneigt wäre, mich auf einen weiteren Roman von Sadie Jones einzulassen – gesagt, getan, wanderte Ende Juni „The Outcast“ als Urlaubslektüre auf meinen E-Reader. In Dublin bin ich zwar kaum zum Lesen gekommen, habe dann aber immerhin den Rückflug genutzt, um mich in den Debütroman von Sadie Jones zu vertiefen. Und vertiefen kann man sich in die Romane von Sadie Jones ganz hervorragend. Denn sie fängt die repressive, scheinheilige Atmosphäre einer Kleinstadt in der Peripherie Londons in den 50er Jahren ebenso stilsicher ein wie jene der edwardianischen Ära – und hat mich damit schnell in ihren Bann gezogen. In den Bann einer Geschichte, die auf beklemmende Art und Weise vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt, von Schmerz, Sehnsucht und dem langen, steinigen Weg zur Erlösung.

Lewis, der Protagonist dieser Geschichte, ist zu Beginn des Romans 19 Jahre alt und wird nach einer zweijährigen Haftstrafe gerade aus dem Gefängnis entlassen. Da es keinen anderen Ort gibt, an den er gehen könnte, kehrt er zurück in seine Heimatstadt Waterford – und wird dort nicht nur mit dem Misstrauen seiner Mitmenschen konfrontiert, sondern auch mit den Dämonen seiner Vergangenheit, die ihn einst dazu trieben, die Kirche von Waterford in Brand zu stecken. Rückblickend erfährt der Leser, wie es dazu kommen konnte. Wie der 10jährige Lewis sich nach dem Ende des 2. Weltkrieges zunächst an den heimkehrenden Vater gewöhnen muss, der ihm fast wie ein Fremder erscheint. Und wie seine bis dahin behütete und von der Liebe seiner Mutter geprägte Kindheit schließlich ein jähes Ende findet, als seine Mutter bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Weder sein unnahbarer Vater noch dessen neue Frau, die zu jung und zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, sind in der Lage, Lewis nach diesem traumatischen Erlebnis Halt zu geben. Und so zieht der ohnehin schon stille Junge sich immer mehr in sich selbst zurück, gefangen in einem selbstzerstörerischen Teufelskreis aus Einsamkeit, Trauer und Schuldgefühlen, die sich immer öfter in gewaltsamen Ausbrüchen gegen sich selbst und andere entladen…

Mit erschütternder, mitunter verstörender Klarheit schildert Sadie Jones die Kindheit und Jugend ihres Protagonisten und legt dabei Stück für Stück das Innere eines haltlosen, gequälten jungen Mannes frei, der versucht einen Weg zurück in die Welt der sonntäglichen Kirchenbesuche, Lunchparties und Tennisturniere zu finden. Eine Welt, die ihm in ihrer Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit jedoch eigentlich fremd ist. Er versucht Teil dieser Welt zu sein, weil man es von ihm erwartet. Doch im Gegenzug hat diese Welt ihm wenig bis gar nichts zu geben, denn sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, den Schein moralischer Unfehlbarkeit um jeden Preis zu wahren. Die tiefen Risse, die sich längst durch das Fundament der mutmaßlichen Idylle ziehen, einen autokratischen Familienvater und Unternehmer wie Dicky Carmichael etwa, der seine Frau und Tochter schlägt, will niemand sehen.

Vermutlich ist das auf den ersten Blick so beschauliche Waterford deshalb bevölkert von so vielen im Grunde tragischen Gestalten, die sich selbst und die anderen glauben machen wollen, ihr Leben sei perfekt. Der einzige Lichtblick zwischen all diesen traurigen – wenn auch in ihrem Unglück manchmal etwas eindimensionalen – Charakteren, ist Kit Carmichael, die Tochter des selbstgefälligen Dicky. Auf die sich der Titel des Romans durchaus auch beziehen könnte. Denn in ihrer stillen Wachsamkeit und Sensibilität ist sie beinahe so sehr Außenseiter wie Lewis, den sie schon als Kind verehrt hat und dessen Nähe sie auch als junge Frau nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis sucht. Und es war zu einem nicht geringen Teil die bittersüße Hoffnung darauf, dass diesen beiden Außerseitern bei aller Tragik vielleicht doch ein leises Glück beschieden sein könnte, die mich durch das Buch getragen hat.

Dabei hätte ich beim Lesen nie vermutet, dass „The Outcast“ seinerzeit das Debüt von Sadie Jones war. Denn es gelingt ihr auf beeindruckende Weise, die Geschichte zunächst beinahe harmlos dahinplätschern zu lassen, gleichzeitig jedoch – auch aber nicht nur durch die Klarheit ihrer Sprache – eine unterschwellige Spannung aufzubauen, die manchmal kaum zu ertragen ist. Dieses Gefühl fängt für mich das Zitat ein, das ich dem Beitrag vorangestellt habe. Und wenn Sadie Jones dann schließlich ein dramatisches Ereignis nach dem anderen über ihren Protagonisten (und den Leser) hereinbrechen lässt, so geschieht auch dies ganz ohne Melodramatik. Vielmehr zieht sie ihre Leser hinein in einen schmerzhaft-bedrückenden erzählerischen Sog, der kaum Zeit zum Durchatmen lässt. Das mag jedoch auch der Grund sein, warum ich die Lektüre von „The Outcast“ teilweise als anstrengend empfunden habe, eben weil Sadie Jones die bedrückende Schwermut ihrer Geschichte gefühlt bis zum Letzten auskostet, bis sie schließlich in der unerbittlichen Einsicht mündet:

„The difference now was that all his life he had thought his father and Dicky and Alice and Tamsin and all of the people who managed in the world weren’t wrecked people, and now he knew they were. It looked like everybody was in a broken, bad world that fitted them just right.” (S. 213/214)

~ Fazit ~

In ihrer klaren, auf eine eigene Weise schönen Sprache entwirft Sadie Jones in „The Outcast“ ein atmosphärisches Porträt kleinstädtischer Doppelmoral und erzählt zugleich eine Geschichte von manchmal erdrückender Tragik, die ich einerseits als faszinierend, andererseits aber auch als angestrengend empfunden habe – weshalb ich letzten Endes „nur“ 3,5 Sterne vergebe. 3,5 Sterne

Titel: The Outcast
Autorin: Sadie Jones
Verlag: Chatto & Windus
E-Book: 239 Seiten
ISBN: 978-1-407-01315-2

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