Auf den Spuren von Pascal Mercier und José Saramago

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir im Rahmen unseres Lesekreises „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier gelesen – und vor die Frage gestellt, wo ich meinen diesjährigen Sommerurlaub verbringen könnte, war mir dieses literarische Porträt der portugiesischen Hauptstadt noch so lebhaft im Gedächtnis, dass die Entscheidung schnell getroffen war. Zwar habe ich mich gegen den Nachtzug und für das Flugzeug entschieden, das hat meiner Begeisterung jedoch keinen Abbruch getan.

Manchmal hätte ich am liebsten das Buch bei mir gehabt, um Fakt und Fiktion zu vergleichen – aber letzten Endes war es einfach nur wunderbar, mir selbst ein Bild von dieser faszinierenden Stadt auf sieben Hügeln machen zu können. Ein wirklicher Erholungsurlaub war es zugegebenermaßen nicht, doch ich hätte trotzdem ohne Weiteres noch mehr Tage mit ausgedehnten Spaziergängen durch die verwinkelten Gassen des Bairro Alto, des Chiado oder der Alfama verbringen können. (Hin und wieder vielleicht mit Unterstützung der herrlich klapprigen alten Straßenbahnen🙂 ) Und natürlich habe ich mir auch immer mal wieder Zeit genommen, mich bei Tee und Pastéis de Nata in meine Urlaubslektüre „One Hundred Years of Solitude“ zu vertiefen.

Neben zahlreichen Kirchen, Palästen und Museen, die es darüber hinaus in Lissabon zu bewundern gibt, hat mich jedoch besonders ein Gebäude geradezu magisch angezogen – die Casa dos Bicos, Hauptsitz der Saramago-Stiftung:

Casa dos Bicos

The seed and the fruitsDa José Saramago einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist, war der Besuch in der Casa dos Bicos, die u.a. eine Daueraus-stellung – The seed and the fruits – über das Leben und Werk des Autors beher-bergt, für mich ein ganz besonderes Highlight. Auch wenn große Teile der Ausstellungstexte und der gezeigten Dokumente leider ausschließlich auf Portugiesisch waren, sind allein die zahlreichen Erstausgaben und die Hunderte von Übersetzungen rein visuell schon ein bemerkenswerter Beweis für die Bedeutung und Reichweite des Werkes des Nobelpreisträgers Saramago.

Gleichzeitig hat mir die Ausstellung aber auch vor Augen geführt, wie wenig ich über das bewegte Leben dieses Autors weiß, den ich doch über alle Maßen schätze. Dass seine Eltern ihm den Besuch des Gymnasiums nach zwei Jahren nicht weiter finanzieren konnten und er deshalb zunächst nur auf eine technische Fachschule gehen konnte, Mechaniker wurde und zwei Jahre in einer KFZ-Werkstatt arbeitete; dass er die portugiesische Diktatur unter Salazar selbst erlebt hat; Small Memoriesdass er nach der Nelkenrevolution stellvertretender Chefredakteur des Diario de Noticias, eine der wichtigsten Tageszeitungen Portugals, wurde und bis zu seinem Tod mit seinen politischen Stellungnahmen polarisiert und für so manchen Skandal gesorgt hat – all das wusste ich bisher nicht. Doch natürlich sind die Ereignisse, die das Leben eines Autors prägen, in gewisser Weise auch immer prägend für das literarische Schaffen. Und deshalb ist mein schönstes Urlaubssouvenir – wie könnte es anders sein – ein Buch: „Small Memories“ von José Saramago.

Allen, die bisher noch nichts von diesem außergewöhnlichen Autor gelesen haben, sei gesagt: Es ist nie zu spät, um damit anzufangen😉 Besonders fasziniert haben mich z.B. „Die Stadt der Blinden“, „Death At Intervals“ und „The Gospel According to Jesus Christ“, wenn man nicht gerade streng katholisch ist (zu letzterem gibt es sogar noch eine Besprechung). Saramagos Stil ist zugegebenermaßen eigen, doch wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit feinem ironischem Humor, hintergründigen Einblicken in die menschliche Natur und ungewöhnlichen Szenarien, die zum Nachdenken anregen.

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Auf den Spuren von Pascal Mercier und José Saramago

  1. Deinen Appell, etwas von Saramago zu lesen, kann ich nur unterstreichen. Er gehört schon lange zu meinen absoluten Lieblingsautoren und ich nutze auch fast jede Gelegenheit, ihn weiterzuempfehlen. Viel Spaß beim Lesen des Souvenirs!
    LG Hannah

    • Danke, Hannah – wie erwähnt, bin ich eigentlich kein großer Fan von Biografien und Memoiren aber für Saramago mache ich da sehr gern eine Ausnahme und bin gespannt auf seine Kindheitserinnerungen.
      LG, Claudia

  2. Ich wohne nur ca. 200 Meter von der Casa dos Bicos und muss gestehen, bisher noch nichts von Saramago gelesen zu haben (*schäm*). Das werde ich jetzt aber nachholen – Danke für den „Anstupser“!

    • Gern geschehen🙂 Und ich kann nur sagen: Schade, dass ich euren Blog erst nach meinem Urlaub entdeckt habe – aber es wird hoffentlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in Lissabon war.

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