Archiv der Kategorie: Gelesen

Gabriel García Márquez: One Hundred Years of Solitude

One Hundred Years of SolitudeLange habe ich mit dem kolumbianischen Autor Gabriel García Márquez geliebäugelt, dessen Werke mich seit jeher allein durch ihre Titel geradezu magisch angezogen haben. (Die Cover der Penguin-Neuausgaben können sich allerdings auch sehen lassen, wie ich finde.) Als dann mein Sommerurlaub in Lissabon vor der Tür stand, von dem ich mir u.a. jede Menge ungestörte Lesezeit versprach, habe ich schließlich Nägel mit Köpfen gemacht und „One Hundred Years of Solitude“ zur Urlaubslektüre auserkoren. Zwar brauchte ich dann doch etwas, um in diesen unglaublich vielschichtigen Roman hineinzufinden. Nachdem ich mich jedoch einmal in den Rhythmus und die Erzählweise von Márquez hineingelesen hatte, bin ich dem Bann seines magischen Realismus ebenso sehr erlegen wie dem Charme der portugiesischen Hauptstadt… Weiterlesen

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Sadie Jones: The Outcast

The Outcast “There was a sudden stillness like the gap between ticks on a clock, but the next tick never coming.” (S. 102)

Ich erwähnte ja im Beitrag zu „The Uninvited Guests“ bereits, dass ich durchaus geneigt wäre, mich auf einen weiteren Roman von Sadie Jones einzulassen – gesagt, getan, wanderte Ende Juni „The Outcast“ als Urlaubslektüre auf meinen E-Reader. In Dublin bin ich zwar kaum zum Lesen gekommen, habe dann aber immerhin den Rückflug genutzt, um mich in den Debütroman von Sadie Jones zu vertiefen. Und vertiefen kann man sich in die Romane von Sadie Jones ganz hervorragend. Denn sie fängt die repressive, scheinheilige Atmosphäre einer Kleinstadt in der Peripherie Londons in den 50er Jahren ebenso stilsicher ein wie jene der edwardianischen Ära – und hat mich damit schnell in ihren Bann gezogen. In den Bann einer Geschichte, die auf beklemmende Art und Weise vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt, von Schmerz, Sehnsucht und dem langen, steinigen Weg zur Erlösung. Weiterlesen

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Stammtischgeflüster #3

Der letzte Beitrag dieser noch ganz frischen Rubrik liegt schon wieder ein Weilchen zurück – dabei kann von einem Sommerloch in meinem literarischen Terminkalender keine Rede sein. Nach inzwischen zwei Bücherstammtischen und zwei Lesekreistreffen bin ich vielmehr wieder um einige Buchtipps und Leseeindrücke reicher, die ich euch auf keinen Fall vorenthalten möchte.

Amélie Nothomb  |  Winterreise  |  Roman, Taschenbuch, 128 Seiten | € (D) 8.90 / sFr 12.90* / € (A) 9.20Beim Bücherstammtisch im Juni fielen mit Amélie Nothomb und Haruki Murakami zwei Namen, die ich nicht zum ersten Mal gehört habe – und denen außerdem gemeinsam ist, dass ich mir zu beiden gern bald ein eigenes Urteil bilden möchte. Auf Amélie Nothomb und ihren Roman „Blaubart“ bin ich vor geraumer Zeit schon durch eine Besprechung der Bücherphilosphin aufmerksam geworden. Leider hat sie ihren Blog offenbar eingestellt hat, sodass ich eine Verlinkung schuldig bleibe 😦 Da hilft wohl nur selber lesen – entweder den „Blaubart“ oder „Winterreise„… Das gleich gilt für Murakami, von dem ich inzwischen so viel gehört habe, dass es im Grunde nur noch eine Frage zu beantworten gilt: Mit welchem seiner Bücher fange ich an? Vielleicht mit „Naokos Lächeln„, das beim Bücherstammtisch vorgestellt wurde – wobei weitere Vorschläge ebenfalls herzlich willkommen sind. Neben diesen beiden Autoren kreiste das Gespräch u.a. auch um einen ‚alten Bekannten‘, nämlich um Daniel Kehlmann, von dem ich bereits „Ruhm“ und „Die Vermessung der Welt“ gelesen habe. Von „F„, seinem letzten Roman, hatte ich bis dahin noch nicht wirklich viel mitbekommen, könnte aber durchaus einen zweiten Blick wert sein. Naokos LächelnEbenso wie das Buch „Schmidt liest Proust“ von Jochen Schmidt, der sich mit zwanzig Seiten pro Tag systematisch Prousts Magnum Opus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorgenommen und seine Lektüreerfahrungen mit dem eigenen Leben abgeglichen hat. Ein spannendes Experimente – umso mehr, da es leider ziemlich fraglich ist, ob ich mich jemals selbst an Proust heranwagen werde… Weiterlesen

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Juli Zeh: Spieltrieb

Spieltrieb„Der blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“ (S. 10)

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Spieltrieb“ von Juli Zeh gelesen habe. Und so sehr mich dieser Roman beeindruckt und beschäftigt hat, so schwer habe ich mich damit getan, meine Gedanken und Eindrücke dazu in Worte zu fassen. Denn ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, dessen Lektüre so fordernd und zugleich so faszinierend war. Deshalb entschuldige ich mich im Voraus dafür, dass diese Besprechung wohl etwas länger ausfallen wird… Weiterlesen

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Lois Lowry: The Giver

The GiverFür gewöhnlich versuche ich ja, Besprechungen zu den Büchern, die ich gelesen habe, auch in der Reihenfolge zu veröffentlichen, in der ich die Bücher gelesen habe. Aber Regeln oder Vorsätze – vor allem selbst auferlegte – sind ja bekanntermaßen dazu da, um gebrochen zu werden. Eine Weisheit, die tatsächlich auch gut zu dem kleinen aber feinen Buch passt, für das ich heute die Chronologie mal Chronologie sein lasse. Aufmerksam geworden bin ich auf diese Utopie/Dystopie über einen Facebook-Post, der die Verfilmung des Titels ankündigte. Der Trailer hat mich neugierig gemacht, also habe ich mir spontan das Buch bestellt. Weiterlesen

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Sadie Jones: The Uninvited Guests

The Uninvited GuestsUm diesen Roman bin ich schon eine ganze Weile herumgeschlichen, bevor ich ihn mir schließlich in der Bibliothek ausgeliehen habe. Inzwischen habe ich ihn längst gelesen, mich bisher jedoch schwer damit getan, meinen Eindruck in Worte zu fassen. Was im Grunde mal wieder daran liegt, dass ich etwas anderes erwartet habe: einen historisch angehauchten Roman oder – in den Worten des Observers – eine „elegant comedy of manners“. Die habe ich zwar durchaus auch bekommen, zum Ende hin nimmt sie allerdings Züge an, die nicht ganz meinen Geschmack getroffen haben. Aber eins nach dem anderen: Weiterlesen

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Roger Willemsen: Kleine Lichter

Roger Willemsen: Kleine LichterDieser Roman war eines der vier Beutestücke meines letzten Bücherschnäppchen-Kaufrausches. Angesprochen und neugierig gemacht hat mich vor allem der Klappentext: „Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie Kassetten, die ihn wieder ins Leben zurückführen – zurückver-führen – sollen. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach – bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen.“ Weiterlesen

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[Lesekreis] ~ Die Vermessung der Welt ~

Die Vermessung der WeltNachdem das letzte Treffen meines Lesekreises, bei dem „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann zur Diskussion stand, inzwischen schon wieder ein paar Tage zurückliegt, kann ich meine Leseeindrücke dazu nun auch ruhigen Gewissens hier festhalten, denke ich. Ohne die Sorge, vielleicht etwas vorwegzunehmen. Denn ich muss zugeben, dass sich meine Vorbehalte gegenüber diesem Buch tatsächlich nicht bestätigt haben.

Daniel Kehlmann schildert in seinem Roman das Leben zweier Genies, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite der Mathematiker, Kartograf und Sternenkundler Carl Friedrich Gauß, der Zeit seines Lebens kaum einmal das Kurfürstentum Hannover verlassen hat, und den der Leser v.a. als einen chronisch schlecht gelaunten Nörgler kennenlernt. Auf der anderen Seite der Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt, der – getrieben von einem schier grenzenlosen Enthusiasmus und unersättlicher Neugier – im Zuge seiner mehrjährigen Forschungsreisen u. a. Lateinamerika und Russland bereiste.

Ausgehend vom Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin, bei dem sich die Wege dieser beiden so ungleichen Männer das erste Mal kreuzen, entfaltet sich anschließend im kapitelweisen Wechsel eine Art Doppelbiografie (stellenweise auf charmante Weise dadurch verknüpft, dass Gauß z. B. in Zeitungsartikeln immer mal wieder auf Humboldts Namen stößt), die im letzten Drittel des Buches wieder zusammengeführt wird – und genau das hat für mich den Reiz dieses Romans ausgemacht. Denn aus der Gegensätzlichkeit seiner beiden Protagonisten sowohl im Charakter als auch in ihren Lebensläufen entwickelt Daniel Kehlmann eine auf mehreren Ebenen sehr unterhaltsame Geschichte über das Streben nach Wissen, geistige Größe und menschliche Schwächen.

Noch viel spannender als die beruflichen Werdegänge, die Entdeckungen und Errungenschaften fand ich dabei allerdings, wie Kehlmann diesen beiden ebenso großen wie eigensinnigen Männern Leben einhaucht. Wie er sie auf humorvoll-ironische Art und Weise geradezu greifbar macht in ihrer… ich nenne es mal vorsichtig: Kauzigkeit aber v. a. auch in ihrem „Deutschsein“. So zum Beispiel als Humboldt für das Spektakel einer Sonnenfinsternis keine Augen hat, weil ihm mehr daran gelegen ist, dieses Ereignis für eine seiner Messungen zu nutzen:

„Humboldt fragte, wie es gewesen sei.
Bonpland sah ihn ungläubig an.
Er habe es nicht gesehen, sagte Humboldt. Nur die Projektion. Er habe das Gestirn im Sextanten fixieren und auch noch die Uhr überwachen müssen. Zum Aufblicken sei keine Zeit gewesen. […] Manche nähmen ihre Arbeit eben ernster als andere!
Das möge ja sein, aber… Bonpland seufzte.
Ja? Humboldt blätterte im  Ephemeridenkatalog, zückte den Bleistift und begann zu rechnen. Aber was?
Müsse man immer so deutsch sein?“ (S. 80)

Über diese karikierenden Darstellungen von gemeinhin als „deutsch“ angesehenen Eigenarten hinaus, bietet Kehlmanns Roman allerdings auch interessante Einblicke in die Weltsicht der Aufklärung. Denn so unterschiedlich seine beiden Protagonisten sein mögen, haben sie doch etwas gemeinsam: ihre Hingabe an die Wissenschaft und damit einhergehend Lebensläufe, die geprägt sind von der Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, wie es der Klappentext so schön beschreibt. Doch auch dabei bleibt Kehlmann seinem Stil treu, sodass selbst philosophisch angehauchte Passagen einen hohen Unterhaltungswert haben:

„Er dachte ans Jüngste Gericht. Er glaubte nicht, daß so etwas veranstaltet werden würde. Angeklagte konnten sich verteidigen, manche Gegenfragen würden Gott nicht angenehm sein. Insekten, Dreck, Schmerz. Das Unzureichende in allem. Selbst bei Raum und Zeit war geschlampt worden. Falls man ihn vor Gericht stellte, gedachte er, ein paar Dinge zur Sprache zu bringen.“ (S. 99)

Ich gestehe, dass ich mir nicht die Mühe gemacht habe zu recherchieren, ob die dargestellten Ereignisse im Detail der Wahrheit entsprechen. Letzten Endes müssen sie das aber auch gar nicht, denn schließlich handelt es sich bei diesem Buch eben doch um keine Biografie im engeren Sinne, sondern um einen Roman. Um einen durchaus gelungenen Roman, dessen Ende jedoch ganz geschickt die Frage offen lässt, welcher der beiden Protagonisten  wohl erfolgreicher war in dem ehrgeizgen Unterfangen einer „Vermessung der Welt“:

„Aber während die ersten Vororte Berlins vorbeiflogen und Humboldt sich vorstellte, wie Gauß eben jetzt durch sein Teleskop auf Himmelskörper sah, deren Bahnen er in einfache Formeln fassen konnte, hätte er auf einmal nicht mehr sagen können, wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben.“ (S. 293)

~ Fazit ~

„Die Vermessung der Welt“ hat mich gut unterhalten – nicht mehr aber auch nicht weniger. Wobei vor allem Daniel Kehlmanns sehr lesbarer Stil dazu beigetragen hat, dass ich diesen Roman trotz meiner anfänglichen Skepsis dann doch zügig weggeschmökert habe. 3,5 Sterne

Titel: Die Vermessung der Welt
Autor: Daniel Kehlmann
Verlag: Rowohlt
Taschenbuch: 302 Seiten
ISBN: 978-3-499-24100-0

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Von der „Erneuerbarkeit der Energiequelle Buch“ – und dem leicht verspäteten Versuch, den Welttag des Buches doch noch gebührend zu feiern…

Ich muss sagen, dass der Welttag des Buches so an mir vorbeigehen konnte, ich ihn tatsächlich fast verpasst habe… Das lässt mich nicht los. Es nagt geradezu an mir. Zum Glück muss man in Hamburg  nie lange auf eine weitere Gelegenheit warten, um den Freuden des geschriebenen Wortes zu frönen. Die nächste Möglichkeit dazu bot sich mir sogar schon gleich gestern im Rahmen der „4. Erneuerbaren Lesetage“.

Unter dem Banner von „Lesen ohne Atomstrom“ haben in den kleinen aber feinen Räumlichenkeiten der 2ten Heimat Katharina Hagena und Feridun Zaimoglu abwechselnd Passagen aus ihren aktuellen Romanen vorgelesen – „Vom Schlafen und Verschwinden“ und „Isabel“. Bereits der erste Roman von Katharina Hagena, „Der Geschmack von Apfelkernen„, hat mir sehr gut gefallen und auch auf ihren nicht mehr ganz neuen zweiten Roman habe ich schon seit längerer Zeit ein Auge geworfen. Von „Isabel“ habe ich auf der Leipziger Buchmesse schon ein wenig gehört, bin mir jedoch noch unschlüssig, ob ich zu diesem Buch greifen werde. Obwohl der Autor seinen Roman charmant vorgestellt hat, ist der Funke irgendwie nicht so ganz übergesprungen… Vielleicht versuche ich es erst mal mit „Leyla“, von der mir meine Begleitung im Vorfeld  der Lesung schon vorgeschwärmt hat.

Lesen ohne Atmstrom

Mindestens ebenso spannend wie die Einblicke in diese beiden Bücher war jedoch das sich zwischen den gelesenen Passagen entspinnende Gespräch der beiden Autoren über Literatur, Erinnerung und Geheimnisse, die an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion entstehen. Das obige Foto, das mir meine wunderbare Begleitung Susanna netterweise zur Verfügung gestellt hat, mag zwar nur einen schwachen Eindruck davon vermitteln – aber die Chemie hat zwischen diesen beiden Autoren ganz offensichtlich gestimmt, weshalb es ebenso unterhaltsam wie faszinierend war, ihr Gespräch zu verfolgen. So mancher Satz hat mir dabei auch wieder den „Geschmack von Apfelkernen“ ins Gedächtnis gerufen, wie z.B. Katharina Hagenas schöne „Definition“ der Literatur als ein Erinnern an Dinge oder Ereignisse, die (noch) nicht stattgefunden haben…

Und als wäre all das noch nicht genug Grund zur Freude, hat mich diese rundum gelungene Veranstaltung auf eine Idee gebracht, wie ich – wenn auch mit leichter Verspätung *hüstel* – den Welttag des Buches doch noch angemessen begehen kann. Denn ich habe die Gelegenheit genutzt, um neben meinem eigenen Exemplar von „Der Geschmack von Apfelkernen“ ein weiteres zu erstehen und von Katharina Hagena signieren zu lassen. Und eben dieses neue, handsignierte Exemplar möchte ich auf diesem Wege unter all jenen verlosen, die bis zum 1. Mai einen Kommentar zu diesem Beitrag hinterlassen. Ich freue mich darauf, von euch zu lesen!

Verlosung: Der Geschmack von Apfelkernen

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~ Vor dem Fest ~

"Vor dem Fest" von Saša StanišićEs liegt ja in der Natur einer Rezension, dass sie grundsätzlich subjektiv ist – ich fürchte allerdings, dass ich im Falle von „Vor dem Fest“ in besonderem Maße voreingenommen bin. Ich hatte ja bereits in meinem Beitrag „Die Literatur lässt mich nicht los…“ kurz von der Pilotenlesung mit Saša Stanišić und Katharina Adler berichtet, die mich wirklich begeistert und auch prompt dazu verleitet hat, mir „Vor dem Fest“ noch an Ort und Stelle zu kaufen. Und ich muss sagen, dieser Roman war das perfekte Mittel, um den traurigen literarischen Nachgeschmack von  Zitronenkuchen zu vertreiben.

Saša Stanišić entführt den Leser in seinem Roman ins uckermärkische Fürstenfelde, wo sich die Dorfbewohner gerade auf das jährliche Annenfest vorbereiten bzw. vorbereitet haben, denn inzwischen ist es Nacht. Die Nacht vor dem Fest – doch nicht alle finden in dieser Nacht Ruhe: Die Malerin Frau Kranz, die seit 1945 ausschließlich Fürstenfelde und Umgebung malt, hat es sich in den Kopf gesetzt, ihrer beachtlichen Motivsammlung endlich ein Nachtbild hinzuzufügen. Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, ringt mit einem Zigarettenautomaten und mit der Frage, ob es noch lohnt, am Leben zu bleiben. Der Fährmann – ist leider tot. Und zu allem Überfluss wurde auch noch ins Haus der Heimat eingebrochen…

Dass Fürstenfelde, obwohl es durchaus das eine oder andere Vorbild in der Realität zu haben scheint, letzten Endes fiktiv ist, nimmt dabei weder der Geschichte, noch den Figuren, die sie bevölkern, etwas von ihrer Lebendigkeit. Und das liegt vor allem daran, dass jede Person in diesem Roman ihre ganz eigene Sprache hat, die sie auf prägnante Weise charakterisiert und ihr Kontur verleiht. Selbst einer Füchsin, auf der Suche nach Eiern für ihre Jungen, gibt Saša Stanišić eine Stimme, von der man ohne Weiteres glauben könnte, dass das Tier seine Umgebung genau so wahrnimmt. Wenn ich mich recht erinnere, hat es Saša Stanišić im Rahmen der Lesung so formuliert, dass er „ein Dorf aus Sprache“ schaffen wollte – und das ist ihm, aus meiner Sicht, ganz klar gelungen.

Eine weitere Besonderheit, auf die während der Lesung eingegangen wurde, ist die spezielle Erzählweise. Denn es ist keine konkrete Person, die im Laufe der Nacht an der Seite der Ruhelosen durch das Dorf streift und das Geschehen kommentiert. Es ist ein „Wir“, eine Art kollektives Gedächtnis des Dorfes, das den Leser – ebenfalls mit einer ganz eigenen Stimme – durch die Ereignisse der Nacht führt. Und diese Stimme,  mal nostalgisch, mal fast poetisch, stets mit einem ganz eigenen Humor, hat es mir besonders angetan:

„Im Haus der Heimat steht auf einer Kommode neben dem Besucherklo ein kleiner Fernseher. Der Fernseher hat einen integrierten Videorekorder. Wir finden das praktisch und gut und sind erstaunt und unglücklich darüber, dass sich Kombilösungen wie diese nicht haben durchsetzen können“. (S. 160)

Natürlich hat man selten die Gelegenheit und das Glück, sich vom Autor höchstselbst sein Werk „erklären“ zu lassen. In diesem Fall kann ich daher nun nicht mit Sicherheit sagen, wie ich die Erzählweise ohne dieses „Hintergrundwissen“ verstanden und gefunden hätte. Da ich aber spätestens seit Terry Pratchett großer Fan „anthropomorpher Personifizierungen“ bin, hat mich dieses Wir durch seine Sprache und seine Sicht auf die Dinge mit diesem Hintergrundwissen quasi doppelt begeistert.

Doch es sind nicht nur Menschen, die in dieser Nacht durch das Dorf streifen und deren Leben und Geschichten sich kaleidoskopartig, manchmal auch nur in Fragmenten zu einem stimmungsvollen Mosaik des Dorflebens fügen. Auch der Einbruch ins Haus der Heimat spielt eine entscheidende Rolle und das erzählende Wir warnt nicht ohne Grund:

„Hier geht es anders zu als in den Touristenführern, in den Büchern, den demografischen Studien. Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.“ (S. 163)

Und so erhält der Roman in der zweiten Hälfte noch einmal eine besondere Dynamik, als die Grenzen zwischen der Vergangenheit – in Form von in den Text eingestreuten Sagen und Erzählungen in barocker Sprache – und der Gegenwart verschwimmen und eben diese alten Geschichten und Sagen in der Nacht vor dem Fest ein geradezu mystisches Eigenleben annehmen… Davon hätte ich mir glatt zu Beginn des Buches schon ein wenig mehr gewünscht.

Letzten Endes spiegeln die Geschichten und Episoden, aus denen sich der Roman zusammensetzt, an vielen Punkten auch das leise Sterben dieses Ortes wider, der Heimat für die unterschiedlichsten Menschen war und ist.  Wo es früher noch mehrere Kneipen gab, gibt es jetzt nur noch Ullis Garage als Ort, an dem die Männer trinken, rauchen und unter sich sein können. Es gibt keine Tankstelle mehr, dafür „brandenburgische Industrieruinen“. Doch auch das mitunter nostalgische Erinnern, das Festhalten an der Vergangenheit, ohne die es kein Heute und auch kein Morgen geben würde, flicht Saša Stanišić beinahe leichtfüßig in seinen Roman. Denn auch davon lässt sich das erzählende Wir nicht unterkriegen:

„Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden von keinem Plan zu. Oder dem Plan, wegzugehen. […] Die Leute sagen, ein paar Generationen noch, länger geht das hier nicht. Wir glauben: Es wird gehen. Es ist immer irgendwie gegangen. Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot, Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.“ (S. 13)

~ Fazit ~

„Vor dem Fest“ ist stilistisch wahrlich ein Kunstwerk, das mich aber auch jenseits der beeindruckenden Sprachvielfalt fabelhaft unterhalten hat. Allzu leicht kann man sich im kunstvollen Geflecht der Geschichten und  geschickt komponierten Details verlieren und wünscht sich, dass diese lange Nacht nie zu Ende gehen möge. 5 Sterne

Titel: Vor dem Fest
Autor: Saša Stanišić
Verlag: Luchterhand
Hardcover: 315 Seiten
ISBN: 978-0-09-953827-1

 

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