Archiv der Kategorie: Gesehen

„Chaos ist Ordnung – jedoch unentschlüsselt“

© capelight pictures

Nanu, dachte ich mir beim Lesen der Filmbeschreibung zu „Enemy“ von Denis Villeneuve, das klingt doch ganz nach „Der Doppelgänger“ von José Saramago: Ein Lehrer bzw. Geschichtsprofessor wird aus seinem recht monotonen Leben gerissen, als er in einem Film einen Schauspieler entdeckt, der ihm bis aufs Haar gleicht. Verstört und doch auch fasziniert macht er sich auf die Suche nach jenem Mann, eine Suche, die schnell Züge einer Obsession annimmt, ihn hineinzieht in das Leben des Fremden – und das seiner hochschwangeren Frau…

Auf den zweiten Blick (in die rechte untere Ecke des Filmposters) hat sich mir der Grund dafür, dass „Enemy“ solche Ähnlichkeiten mit einem ’saramagischen‘ Roman aufweist, den ich leider noch nicht gelesen habe, schnell erschlossen: Denn eben dieser Roman diente Villeneuve als Vorlage für sein düsteres Verwirrspiel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Obwohl der Film laut verschiedener Besprechungen wohl eher eine freie Interpretation des Romans darstellt, war der Kinobesuch für mich als großen Fan von Saramago quasi Pflicht –  und er hat mich nicht enttäuscht. Denn die eigenwillige Bildsprache, das Farbspektrum und die ganze Art der Inszenierung haben eine Atmosphäre geschaffen, die mich mehr als einmal an die oft surreale, mitunter  beklemmende Stimmung erinnert hat, die auch Saramagos Texte auszeichnet.

Hinzu kommt, dass ich Jake Gyllenhaal spätestens seit dem ebenfalls von Villeneuve inszenierten Entführungsdrama „Prisoners“ als einen wirklich guten Schauspieler schätzen gelernt habe, der in „Enemy“ nun sogar in einer Doppelrolle glänzt, als Geschichtsprofessor Adam Bell und Schauspieler Anthony Claire. Dabei verleiht er beiden Figuren auf eindrucksvolle Art und Weise einen ganz eigenen Charakter. Und er trägt mit seiner schauspielerischen Leistung wesentlich dazu bei, dass ich als Zuschauerin mit Spannung und hin und wieder sogar mit Gänsehaut verfolgt habe, wie die beiden Männer sich immer mehr in einem gefährlichen Netz aus in Frage gestellten, willentlich oder erzwungenermaßen getauschten Identitäten verfangen. (Die Spinnensymbolik, auf die Villeneuve dafür mehrfach zurückgreift, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht – aber es sei ihm gegönnt.)

~ Fazit ~

Eine Empfehlung nicht nur für Fans von Saramago, sondern für alle, die bereit sind, sich auf das ebenso spannende wie surreale Verwirrspiel einzulassen, das Villeneuve inszeniert – und nicht unbedingt große Verfechter klarer Auflösungen sind…

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

Von der „Erneuerbarkeit der Energiequelle Buch“ – und dem leicht verspäteten Versuch, den Welttag des Buches doch noch gebührend zu feiern…

Ich muss sagen, dass der Welttag des Buches so an mir vorbeigehen konnte, ich ihn tatsächlich fast verpasst habe… Das lässt mich nicht los. Es nagt geradezu an mir. Zum Glück muss man in Hamburg  nie lange auf eine weitere Gelegenheit warten, um den Freuden des geschriebenen Wortes zu frönen. Die nächste Möglichkeit dazu bot sich mir sogar schon gleich gestern im Rahmen der „4. Erneuerbaren Lesetage“.

Unter dem Banner von „Lesen ohne Atomstrom“ haben in den kleinen aber feinen Räumlichenkeiten der 2ten Heimat Katharina Hagena und Feridun Zaimoglu abwechselnd Passagen aus ihren aktuellen Romanen vorgelesen – „Vom Schlafen und Verschwinden“ und „Isabel“. Bereits der erste Roman von Katharina Hagena, „Der Geschmack von Apfelkernen„, hat mir sehr gut gefallen und auch auf ihren nicht mehr ganz neuen zweiten Roman habe ich schon seit längerer Zeit ein Auge geworfen. Von „Isabel“ habe ich auf der Leipziger Buchmesse schon ein wenig gehört, bin mir jedoch noch unschlüssig, ob ich zu diesem Buch greifen werde. Obwohl der Autor seinen Roman charmant vorgestellt hat, ist der Funke irgendwie nicht so ganz übergesprungen… Vielleicht versuche ich es erst mal mit „Leyla“, von der mir meine Begleitung im Vorfeld  der Lesung schon vorgeschwärmt hat.

Lesen ohne Atmstrom

Mindestens ebenso spannend wie die Einblicke in diese beiden Bücher war jedoch das sich zwischen den gelesenen Passagen entspinnende Gespräch der beiden Autoren über Literatur, Erinnerung und Geheimnisse, die an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion entstehen. Das obige Foto, das mir meine wunderbare Begleitung Susanna netterweise zur Verfügung gestellt hat, mag zwar nur einen schwachen Eindruck davon vermitteln – aber die Chemie hat zwischen diesen beiden Autoren ganz offensichtlich gestimmt, weshalb es ebenso unterhaltsam wie faszinierend war, ihr Gespräch zu verfolgen. So mancher Satz hat mir dabei auch wieder den „Geschmack von Apfelkernen“ ins Gedächtnis gerufen, wie z.B. Katharina Hagenas schöne „Definition“ der Literatur als ein Erinnern an Dinge oder Ereignisse, die (noch) nicht stattgefunden haben…

Und als wäre all das noch nicht genug Grund zur Freude, hat mich diese rundum gelungene Veranstaltung auf eine Idee gebracht, wie ich – wenn auch mit leichter Verspätung *hüstel* – den Welttag des Buches doch noch angemessen begehen kann. Denn ich habe die Gelegenheit genutzt, um neben meinem eigenen Exemplar von „Der Geschmack von Apfelkernen“ ein weiteres zu erstehen und von Katharina Hagena signieren zu lassen. Und eben dieses neue, handsignierte Exemplar möchte ich auf diesem Wege unter all jenen verlosen, die bis zum 1. Mai einen Kommentar zu diesem Beitrag hinterlassen. Ich freue mich darauf, von euch zu lesen!

Verlosung: Der Geschmack von Apfelkernen

11 Kommentare

Eingeordnet unter Dies und das, Gelesen, Gesehen

~ A Long Way Down ~

A LONG WAY DOWN – Plakat, © ThimfilmMit freundlicher Unterstützung meines Mobilfunkanbieters (auf Schleichwerbung sei an dieser Stelle verzichtet – über die gewonnenen Freikarten habe ich mich aber nichtsdestotrotz sehr gefreut 😉 ) bin ich heute in den Genuss des Films „A Long Way Down“ gekommen. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby geht es um vier Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – ihre einzige Verbindung: Sie treffen sich in der beliebtesten Nacht des Jahres für Selbstmord auf dem Dach eines Londoner Hochhauses, um von eben dort herunterzuspringen. Da jedoch keiner von ihnen gewillt ist, dies quasi „unter Beobachtung“ zu tun, schließen sie einen Pakt und verabreden, sich erst am Valentinstag das Leben zu nehmen…

Bei dieser Thematik würde man nun nicht unbedingt ein Feel-Good-Movie erwarten aber wer Nick Hornby kennt, der weiß oder ahnt zumindest, dass er sich auch dieser speziellen Geschichte mit unverwechselbar schwarzem Humor annähert. Deshalb wird der Film bei aller Tragik, die den Geschichten der einzelnen Charaktere innewohnt, nie zu bedrückend oder schwermütig, im Gegenteil – er besticht auch und v.a. durch den ganz eigenen britischen Humor. Und trotzdem hat man nicht das Gefühl , dass hier leichtfertig mit dem Thema Selbstmord umgegangen wird. Jeder der vier Protagonisten erhält Raum, um seine Gedanken und Gefühle in eigenen Worten zu schildern, und die – wie ich finde – gelungene Besetzung haucht diesen Schilderungen noch zusätzliches Leben ein. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich diesbezüglich zwar keine Vergleiche ziehen, aber das ist bei Literaturverfilmungen ja nicht unbedingt ein Nachteil…

~ Fazit ~

Obwohl „A Long Way Down“ stellenweise recht vorhersehbar war und das Ende vielleicht etwas zu sehr nach Friede, Freude, Eierkuchen geschmeckt hat, ist der Sonntag damit doch ganz angenehm ausgeklungen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

[Lesekreis] ~ Der Vorleser ~

Unter den sechs Büchern, die ich vor „Kain“ gelesen habe, finden sich auch sage und schreibe vier Lesekreis-Titel. Und da ich gerade an dieser Front in letzter Zeit ziemlich nachlässig gewesen bin, was das Verfassen von Rezensionen betrifft, freut es mich, dass ich nun immerhin eine erste Lesekreis-Rezension nachliefern kann. Zumal „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink für mich eines der besten Bücher, wenn nicht gar das beste Buch war, das wir bisher gelesen haben.

Die Geschichte wird vielen wohl spätestens seit der (sehr sehenswerten) Verfilmung mit Kate Winslet und Ralph Fiennes bekannt sein, deshalb will ich sie hier nur kurz umreißen. „Der Vorleser“ aus Bernhard Schlinks gleichnamigen Roman ist Michael Berg, der im Alter von 15 Jahren die zwanzig Jahre ältere Straßen-bahnschaffnerin Hanna kennenlernt. Mit ihr verbindet ihn bald eine ebenso leidenschaftliche wie komplizierte Beziehung, in der Bücher insofern eine besondere Rolle spielen, als dass Hanna regelrecht aufblüht, während Michael ihr vor dem eigentlichen Liebesakt mitunter stundenlang vorliest. Dieser intimen Unbeschwertheit steht jedoch Hannas verschwiegene, oftmals auch reizbare Art gegenüber, die Michael mehr als einmal verzweifeln lässt. Und eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Erst Jahre später sieht Michael, inzwischen Jurastudent, sie schließlich wieder – als Angeklagte in einem Auschwitz-Prozess.

So vieles ist bemerkenswert an diesem Roman, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit den Protagonisten, Michael und Hanna, die ebenso faszinierend wie zwiespältig sind? Mit der unkonventionellen, vielleicht sogar moralisch fragwürdigen Liebesgeschichte, die zwar nur einen Sommer andauert, Michael jedoch – wie sich herausstellen wird – bis ins Erwachsenen-alter prägt? Oder mit Michaels Schilderung des Prozesses gegen Hanna, in dessen Verlauf er schließlich den Grund für ihr oft unerklärliches, erratisches Verhalten erkennt? Eigentlich ist es egal, wo ich beginne, denn eine beeindrucke Leistung Schlinks besteht darin, dass er die „kleinen“ persönlichen Dramen konsequent in Beziehung setzt zum „großen“ Drama der 50er und 60er Jahre in Deutschland, dem allgemeinen Schweigen und Verdrängen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des erwachsenen Michaels, der hin und her gerissen ist zwischen seinen Gefühlen für Hanna, die selbst nach all den Jahren nicht völlig erloschen sind, und seiner Fassungslosigkeit darüber, dass er eine Verbrecherin geliebt hat. Selbst über den Prozess hinaus lässt ihn ihre Geschichte nicht los, sodass er schließlich noch einmal die Rolle des Vorlesers einnimmt, indem er der zu lebenslanger Haft verurteilten Hanna selbst besprochene Kassetten ins Gefängnis schickt. Zu einem Besuch kann er sich jedoch nicht durchringen, zu tief haben ihn ihre pragmatisch-kühlen Schilderungen der Vorgänge in Auschwitz verstört, zu ambivalent sind seine Gefühle für diese rätselhafte Frau.

Auch als Leser fällt es schwer, sich ein Bild von Hanna zu machen. Während sie einerseits auf eine ruppige Art durchaus liebevoll und fürsorglich sein kann, scheint sie gleichzeitig keinerlei Gefühl dafür zu haben, welch unfassbare Schuld sie auf sich geladen hat. Im Gegenteil, sie nimmt nach kurzem Zögern schließlich sogar noch die Schuld ihrer Mitangeklagten auf sich. Und alles nur, damit niemand erfährt, dass sie Analphabetin ist. Scham und Angst, das jemand hinter ihr Geheimnis kommen könnte, haben offenbar ihr ganzes Leben bestimmt. Das ändert nichts daran, dass Hanna eine extrem zwiespältigt Person ist, macht sie aber für michzu einer mindestens ebenso tragischen Gestalt wie Michael.

Bei all diesen emotionalen und moralischen Verstrickungen entwickelt Bernhard Schlinks Roman wiederum gerade durch die Reduziertheit und Knappheit seiner Sprache einen ganz eigenen Sog. Wodurch ihm auf beachtenswerte Weise zugleich das scheinbar Unmögliche gelingt – ohne Partei für eine Seite zu ergreifen aber auch ohne zu verurteilen, wirft sein Roman immer wieder Fragen auf, nach der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, nach persönlicher Schuld, nach Verantwortung für sich selbst und andere. Antworten liefert Schlink jedoch keine. Und das ist gut so – denn wie sagte schon der alte Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

~ Fazit ~

Ein auf sonderbare Weise ergreifender Roman über Schuld und Verantwortung, der sich sprachlich auf das Wesentliche beschränkt und vielleicht gerade deshalb so unter die Haut geht.   

Titel: Der Vorleser
Autor: Bernhard Schlink
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257229530

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen, Gesehen, Lesekreis

~ Hamlet ~

„To be, or not to be: that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing end them?“ (III, 1)

Wie schon in der Rezension zu Peter Ackroyds „Wie es uns gefällt“ erwähnt, bin ich großer Shakespeare-Fan – und habe mich dement-sprechend sehr gefreut, dass die Hamburger University Players in diesem Semester wieder ein Shakespeare-Stück auf die Bühne bringen. Und nicht irgendein Stück, nein, eines der bekanntesten und am häufigsten aufgeführten Stücke des Barden: Hamlet!

Ich muss allerdings gestehen, dass dies die erste Hamlet-Aufführung war, die ich gesehen habe, daher habe ich keine Vergleichsmöglichkeiten. Mit der tragischen Geschichte um den Dänenprinzen Hamlet, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch nach Rache (am Onkel, der seinen Vater ermordet hat, um auf den Thron zu kommen, und nun auch noch Hamlets Mutter Gertrude geheiratet hat) und den nicht enden wollenden Zweifeln an der Legitimation seines Handelns, bin ich bestens vertraut. Doch natürlich sind Stücke nicht geschrieben, um gelesen zu werden – man muss sie sehen!

Man sollte an dieser Stelle aber vielleicht erwähnen, dass „Hamlet“ nicht unbedingt das handlungsorientierteste Stück Shakespeares ist. Das zentrale Motiv besteht ja eben darin, dass Hamlet sich sehr lange schlicht zu gar keiner Handlung durchringen kann. Stattdessen hadert er wortgewaltig mit sich selbst, seinem Gewissen, seiner Umwelt… Gerade wegen dieser Wort- und Sprach-lastigkeit ist bei solchen Stücken die schauspielerische Leistung umso wichtiger. Und in dieser Hinsicht glänzen die University Players einfach immer wieder. Deshalb ist auch das reduzierte Bühnenbild völlig ausreichend –  die Mitglieder dieser Gruppe brauchen keine aufwendigen Requisiten oder opulenten Kostüme, um  sich dahinter zu verstecken, sie beeindrucken vielmehr durch ihr sprachliches Ausdrucksvermögen und ihre Professionalität.

~ Fazit ~

Eine gelungene Aufführung, die alles in allem vielleicht nicht  ganz so stark war, wie die Stücke, die ich bisher von den University Players gesehen habe, mir aber nichtsdestotrotz einen wunderbaren Theaterabend auf hohem sprach-lichen Niveau beschert hat!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

~ Jane Eyre ~

Gelesen habe ich „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë natürlich längst (als pflichtbewusste Anglistikstudentin) – für mich eine der schönsten Liebesgeschichten der englischsprachigen Literatur. Dementsprechend gespannt war ich auf diese neue Verfilmung von Cary Fukunaga – und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, nein, sie wurden noch weit übertroffen!

Das Faszinierendste an Charlotte Brontës Roman ist für mich Jane selbst, die zwar jung und mittellos ist aber nichtsdestotrotz zu ihren Überzeugungen steht und an ihrem Wunsch ein selbstbestimmtes Leben zu führen  festhält. Und Mia  Waskowski setzt Janes Charakter in all seinen Facetten so überzeugend um, als sei ihr diese Rolle auf den Leib geschrieben. Abgesehen davon ist aber die gesamte Besetzung des Films bis in die Nebenrollen absolut gelungen (und Michael Fassbender als Rochester eine echte Augenweide 😉 )

Kurz und gut: Ich bin hin und weg von dieser fantastischen Literaturver-filmung, die der Romanvorlage mit wunderbaren, stimmungsvollen Bildern Leben einhaucht und die leisen Töne wie die großen Gefühle so perfekt umsetzt, dass man nach 120 Minuten Spielzeit bedauert, dass der Film schon vorbei ist!

Unbedingt anschauen!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

[Lesekreis] ~ Pride & Prejudice ~

„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.

Ganz scharfsinnige Leser werden schon bei der Kategorie dieses Artikels stutzen – „Gesehen“ und „Lesekreis“…? Zugegeben, diesmal habe ich ein wenig geschummelt. Natürlich habe ich als pflichtbewusste Anglistik-Studentin sämtliche Jane Austen Titel gelesen (um zu nicht sagen: verschlungen) – das ist allerdings schon ein Weilchen her. Nicht dass man die Geschichte um Elizabeth Bennet  und Mr Darcy, die trotz der anfänglichen gegenseitigen Abneigung schließlich zu einem der zauberhaftesten Paare der Literaturgeschichte werden, vergessen könnte.

Aber ganz unvorbereitet möchte man ja beim Lesekreis trotzdem nicht auftauchen – muss man auch nicht, denn „Pride & Prejudice“ wurde ja mehr als einmal verfilmt. Zunächst hatte ich ein Auge auf die jüngste Version mit Keira Knightley geworfen, in den Rezensionen zu diesem Film wurde aber auch immer wieder auf die auf dem Buch basierende BBC-Miniserie verwiesen, die besonders nah am Original sein sollte. Dieses Argument hat den Ausschlag dafür gegeben, dass ich in der Bibliothek dann zur BBC-Verfilmung gegriffen habe. (Nun ja, die Aussicht mehrere Stunden lang Colin Firth anschmachten zu können, hat auch ihren Teil dazu beigetragen…) Und es hat sich gelohnt! (Und zwar nicht nur wegen Mr Firth 😉 )

Dass diese Verfilmung sich sehr stark ans Original hält, macht sich bei der Spieldauer bemerkbar: 270 Minuten. Anfangs bin ich davon ausgegangen, dass ich das einfach auf zwei Abende verteilen würde. Das Ende vom Lied: Ich habe die kompletten 4,5 Stunden hintereinanderweg geschaut – zwischendurch aufhören und bis zum nächsten Abend warten war einfach keine Option. Dafür ist diese filmische Umsetzung der Geschichte um die fünf Bennet-Schwestern, deren Mutter alles daran setzt, sie unter die Haube zu bringen, einfach zu gut! Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank weg fantastisch und ich halte es für nahezu unmöglich, dass eine andere Verfilmung den Zauber des Originals noch besser einfangen könnte!

Prädikat: absolut sehenswert!

(Gleiches gilt natürlich im übertragenen Sinne für sämtliche Romane von Miss Austen – sie sind absolut lesenswert! Und das nicht nur wegen der wunderbaren Liebesgeschichten, sondern auch weil Jane Austen darin auf unnachahmliche Weise die Gesellschaft ihrer Zeit porträtiert (und mitunter karikiert).)

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

~ Das kunstseidene Mädchen ~

Zwar stapeln sich bei mir inzwischen langsam aber sicher die Bücher, zu denen ich hier gern noch meine Leseeindrücke niederschreiben möchte, aber man muss sich ja hin und wieder auch Zeit für andere schöne Dinge nehmen, wie z.B. einen Theaterbesuch! Nachdem „Das kuntseidene Mädchen“ auch schon als Lektüre für unseren Lesekreis im Gespräch war, bisher aber immer ein anderer Titel das Rennen gemacht hat, kam es uns gerade recht, dass eine Inszenierung dieses Roman derzeit in den Kammerspielen läuft (aber nur noch bis 22. November).

„Das kunstseidene Mädchen“ erschien 1932 in Berlin und erzählt  tagebuch-artig die Geschichte der 18-jährigen Doris, die ein Glanz werden möchte, eine schöne und elegante Dame. Auf dem Weg dahin verschlägt es sie von ihrem beschaulichen Heimatort im Rheinland ins pulsierende Großstadtleben Berlins, wo sie sich durch allerhand Tricks und Liebschaften über Wasser zu halten versucht… Nur um am Ende festzustellen: „Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.“

Regie bei dieser Inszenierung führt Kai Wessel, Haupt- (und einzige) Darstellerin ist Pheline Roggan. Diese spielt ihre Rolle allerdings so glänzend, dass sie die Bühne mit ihrer Präsenz auch ganz allein auszufüllen vermag. Und es war einfach faszinierend mitanzusehen, wie ihr Spiel changiert zwischen der Darstellung von Doris‘ – mitunter recht schnoddrig formulierten – Wünschen und Ängste, ihren Hoffnungen und ihrem herrlich bodenständigen Pragmatismus. Ein wunderbarer Theaterabend!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

Harbourfront Literaturfestival & Diary Slam

Mit ein wenig Verspätung gibt es nun endlich ein kurzes Resumee zu zwei literarischen Veranstaltungen, die ich in letzter Zeit besucht habe.

Zunächst einmal bin ich im Rahmen des Harbourfront Literaturfestivals am 20.09. in den Genuß einer Lesung von Paul Ingendaay gekommen. Vor ungewöhnlicher Kulisse, der Ladeluke 5 der Cap San Diego, hat der sehr sympathische Autor seinen neuen Roman „Die romantischen Jahre“ vorgestellt. Auf dieses Buch bin ich schon vor einer Weile über eine Anzeige – ich glaube, es war im Börsenblatt des deutschen Buchhandels – aufmerksam geworden und war deshalb umso begeisterter als ich im Programm des Harbourfront Festivals auf diese Veranstaltung stieß. Der Roman „Die romantischen Jahre“ erzählt von Marko Theunissen, einem unverbesserlichen Romantiker, der jedoch in Ermangelung einer besseren Perspektive Versicherungsvertreter wird… Doch die Liebe findet Marko auch in jenem kleinen Dorf, in das es ihn aus Berufsgründen verschlagen hat. Allerdings findet sie ihn in Form einer Affäre mit der Frau eines Kunden, was ein hinterhältiger Kollege herausfindet und ihn mit diesem Wissen zu erpressen versucht.

All das wird sprachlich brilliant erzählt, sodass nach dieser großartigen Lesung „Die romantischen Jahre“ bzw. der Vorgänger „Warum du mich verlassen hast“ definitiv Kandidaten für meinen SuB sind!

Das nächste literarische Highlight (allerdings ganz anderer Art) war der Diary Slam letzten Donnerstag im Café Aalhaus. Für diejenigen, die sich jetzt fragen, was um alles in der Welt denn bitte ein Diary Slam ist – das Prinzip ist ähnlich wie beim Poetry Slam, nur das hier echte Menschen aus echten (nämlich ihren eigenen) Tagebüchern vorlesen.  Da kann vom ganz unspektakulären Teenie-Alltag über jugendliche Schwärmereien und Liebesschwüre bis hin zu Selbstmordgedanken alles dabei sein.  Frei nach dem Motto der Veranstalter: „Das Tagebuch muss raus aus der Schublade – rein ins Rampenlicht! Denn es hat alles, was ein guter Text braucht: Helden und Antihelden, wüste Plots und steile Pointen, Bösewichte, Sündenböcke und jede Menge Identifikationspotential.“

Ein gewisses Maß an Voyeurismus und Fremdschämen gehört vielleicht dazu aber vor allem ist es einfach unglaublich unterhaltsam für einen Abend an der Jugend wildfremder Menschen teilzuhaben. Der kindlich-jugendliche Sprachduktus ist oft genug unfreiwillig komisch, manchmal skurril aber vor allem authentisch, sodass man sich darin und auch in den Inhalten nur allzu leicht wiederfindet oder zumindest auf amüsante Weise an die eigene Jugend erinnert wird.

Wer also die Möglichkeit hat, unbedingt mal vorbeischauen und die ganze Mutigen können ja ihr Tagebuch gleich mitbringen 🙂

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

Viel Theater für wenige Geld!

Für mich ist einer der größten Vorteile am Leben in einer Großstadt die Tatsache, dass es ständig Tausende Möglichkeiten gibt, Kultur zu erleben. Anlass zu dieser Feststellung ist die diesjährige Hamburger Theaternacht, an der ich gestern zum ersten Mal teilgenommen habe… Dabei konnte man auf zahlreichen Hamburger Bühnen jeweils 30 bis 60 Minuten lang Ausschnitte aus deren Programm bewundern. Nach gründlichem Studium sah meine persönliche Abendplanung wie folgt aus:

19:15 – Rundfahrt auf der Alster, untermalt mit toller Livemusik vom Diercks-Grischek-Trio

21:45 – Szenen aus der neuen Produktion „Orlando“ nach einem Roman von Virginia Woolf im Thalia in der Gausstraße

In Form einer offenen Probe hat man einen spannenden Einblick bekommen, wie das Ensemble den Roman von Virginia Woolf für sich umgesetzt und interpretiert hat.

22:50 – Ausschnitte aus dem Theaterstück „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ im Monsun Theater

Ich liebe Shakespeare und finde den Ansatz, marginalen Charakteren aus klassischen Stücken eine Stimme zugeben und damit der ursprünglichen Handlung eine neue Dimension zu verleihen, sehr interessant – ein Ansatz, der in dieser Aufführung (soweit man das nach einer halben Stunde beurteilen kann) originell umgesetz wurde.

00:00 –  Das Thalia Theater zu Gast in den Hamburger Kammerspielen: „Draußen vor der Tür“ – Felix Knopp und die „My Darkest Star“-Band live in concert

 Eine sehr moderne und unkonventionelle Umsetzung des Dramas von Wolfgang Borchert (das vor 64 Jahren in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wurde), anders, als erwartet aber durchaus beeindruckend.

 

Um es kurz zu machen: Für mich war es ein absolut gelungener Abend. Logistisch mitunter nicht ganz einfach aber in jedem Fall eine tolle Möglichkeit, gleich mehrere Theater einmal kennenzulernen. Und die durchweg hervorragende Qualität  der einzelnen Vorstellungen hat mich für den teilweisen Shuttle-Stress mehr als entschädigt.

Und das Beste: Schon nächsten Mittwoch geht es weiter mit dem Kulturmarathon, denn dann beginnt das Harbourfront Literaturfestival, mit diversen literarischen Leckerbissen, auf die ich mich jetzt schon freue!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen