Schlagwort-Archive: Roman

Gabriel García Márquez: One Hundred Years of Solitude

One Hundred Years of SolitudeLange habe ich mit dem kolumbianischen Autor Gabriel García Márquez geliebäugelt, dessen Werke mich seit jeher allein durch ihre Titel geradezu magisch angezogen haben. (Die Cover der Penguin-Neuausgaben können sich allerdings auch sehen lassen, wie ich finde.) Als dann mein Sommerurlaub in Lissabon vor der Tür stand, von dem ich mir u.a. jede Menge ungestörte Lesezeit versprach, habe ich schließlich Nägel mit Köpfen gemacht und „One Hundred Years of Solitude“ zur Urlaubslektüre auserkoren. Zwar brauchte ich dann doch etwas, um in diesen unglaublich vielschichtigen Roman hineinzufinden. Nachdem ich mich jedoch einmal in den Rhythmus und die Erzählweise von Márquez hineingelesen hatte, bin ich dem Bann seines magischen Realismus ebenso sehr erlegen wie dem Charme der portugiesischen Hauptstadt… Weiterlesen

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

Gute Büchern lauern einfach überall…

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, nach „One Hundred Years of Solitude“ erst einmal eine Lektürepause zu machen und mich auf meine Vorlesegeschichten (ein freiberufliches Projekt, das ich an anderer Stelle schon einmal erwähnte) zu konzentrieren. Eigentlich – aber letzten Endes sind gute Vorsätze da, um gebrochen zu werden, und gute Büchern lauern eben wirklich überall…

Lesen könnte ich deshalb:

Mirko Bonné: Nie mehr NachtDieser Roman fiel mir letztes Wochenende auf dem Flohmarkt in die Hände. Und ich sage noch zu mir: Dieses Mal kaufst du kein Buch. Aber weil ich im Hinterkopf hatte, dass Mara auf ihrem Blog buzzaldrins.de doch sehr angetan von „Nie mehr Nacht“ war, musste ich einfach zugreifen.

Lesen sollte ich zunächst allerdings eher:

Thomas Mann: Der Tod in VenedigDenn die Mann’sche Novelle ist unsere aktuelle Lesekreislektüre. Da ich mich dunkel daran erinnere, dass die Geschichte mich zu Schulzeiten nicht gerade vom Hocker gehauen hat, hält sich meine Motivation unglücklicherweise in Grenzen. Aber wer weiß: Manche Titel liest man ein paar Jahre später ja doch mit ganz anderen Augen…

Tatsächlich lese ich – wie das Widget am Seitenrand verrät – im Moment aber:

Neil Gaiman: The Ocean at the End of the LaneDieses Buch wiederum habe ich mir auf dem Flughafen gekauft, kurz bevor ich nach Lissabon geflogen bin. Im Grunde habe ich schon geahnt, dass ich mit „One Hundred Years of Solitude“ ohne Probleme über den Urlaub kommen würde – aber sicher ist sicher und lieber ein Buch zu viel als eins zu wenig 🙂 Und weil ich von Neil Gaiman schon immer mal etwas lesen wollte, zögere ich damit nun also die Lesekreis-„Plichtlektüre“ noch etwas hinaus. Allerdings erwarten mich nächste Woche ja auch noch längere Zugfahrten nach Frankfurt und zurück – ich hoffe also, dass ich Pflicht- und Wunschlektüre unter einen Hut bekomme 😉

2 Kommentare

Eingeordnet unter Dies und das

Sadie Jones: The Outcast

The Outcast “There was a sudden stillness like the gap between ticks on a clock, but the next tick never coming.” (S. 102)

Ich erwähnte ja im Beitrag zu „The Uninvited Guests“ bereits, dass ich durchaus geneigt wäre, mich auf einen weiteren Roman von Sadie Jones einzulassen – gesagt, getan, wanderte Ende Juni „The Outcast“ als Urlaubslektüre auf meinen E-Reader. In Dublin bin ich zwar kaum zum Lesen gekommen, habe dann aber immerhin den Rückflug genutzt, um mich in den Debütroman von Sadie Jones zu vertiefen. Und vertiefen kann man sich in die Romane von Sadie Jones ganz hervorragend. Denn sie fängt die repressive, scheinheilige Atmosphäre einer Kleinstadt in der Peripherie Londons in den 50er Jahren ebenso stilsicher ein wie jene der edwardianischen Ära – und hat mich damit schnell in ihren Bann gezogen. In den Bann einer Geschichte, die auf beklemmende Art und Weise vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt, von Schmerz, Sehnsucht und dem langen, steinigen Weg zur Erlösung. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen

Juli Zeh: Spieltrieb

Spieltrieb„Der blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“ (S. 10)

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Spieltrieb“ von Juli Zeh gelesen habe. Und so sehr mich dieser Roman beeindruckt und beschäftigt hat, so schwer habe ich mich damit getan, meine Gedanken und Eindrücke dazu in Worte zu fassen. Denn ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, dessen Lektüre so fordernd und zugleich so faszinierend war. Deshalb entschuldige ich mich im Voraus dafür, dass diese Besprechung wohl etwas länger ausfallen wird… Weiterlesen

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen, Lesekreis

Lois Lowry: The Giver

The GiverFür gewöhnlich versuche ich ja, Besprechungen zu den Büchern, die ich gelesen habe, auch in der Reihenfolge zu veröffentlichen, in der ich die Bücher gelesen habe. Aber Regeln oder Vorsätze – vor allem selbst auferlegte – sind ja bekanntermaßen dazu da, um gebrochen zu werden. Eine Weisheit, die tatsächlich auch gut zu dem kleinen aber feinen Buch passt, für das ich heute die Chronologie mal Chronologie sein lasse. Aufmerksam geworden bin ich auf diese Utopie/Dystopie über einen Facebook-Post, der die Verfilmung des Titels ankündigte. Der Trailer hat mich neugierig gemacht, also habe ich mir spontan das Buch bestellt. Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen

Sadie Jones: The Uninvited Guests

The Uninvited GuestsUm diesen Roman bin ich schon eine ganze Weile herumgeschlichen, bevor ich ihn mir schließlich in der Bibliothek ausgeliehen habe. Inzwischen habe ich ihn längst gelesen, mich bisher jedoch schwer damit getan, meinen Eindruck in Worte zu fassen. Was im Grunde mal wieder daran liegt, dass ich etwas anderes erwartet habe: einen historisch angehauchten Roman oder – in den Worten des Observers – eine „elegant comedy of manners“. Die habe ich zwar durchaus auch bekommen, zum Ende hin nimmt sie allerdings Züge an, die nicht ganz meinen Geschmack getroffen haben. Aber eins nach dem anderen: Weiterlesen

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

Roger Willemsen: Kleine Lichter

Roger Willemsen: Kleine LichterDieser Roman war eines der vier Beutestücke meines letzten Bücherschnäppchen-Kaufrausches. Angesprochen und neugierig gemacht hat mich vor allem der Klappentext: „Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie Kassetten, die ihn wieder ins Leben zurückführen – zurückver-führen – sollen. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach – bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen.“ Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen

[Lesekreis] ~ Die Vermessung der Welt ~

Die Vermessung der WeltNachdem das letzte Treffen meines Lesekreises, bei dem „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann zur Diskussion stand, inzwischen schon wieder ein paar Tage zurückliegt, kann ich meine Leseeindrücke dazu nun auch ruhigen Gewissens hier festhalten, denke ich. Ohne die Sorge, vielleicht etwas vorwegzunehmen. Denn ich muss zugeben, dass sich meine Vorbehalte gegenüber diesem Buch tatsächlich nicht bestätigt haben.

Daniel Kehlmann schildert in seinem Roman das Leben zweier Genies, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite der Mathematiker, Kartograf und Sternenkundler Carl Friedrich Gauß, der Zeit seines Lebens kaum einmal das Kurfürstentum Hannover verlassen hat, und den der Leser v.a. als einen chronisch schlecht gelaunten Nörgler kennenlernt. Auf der anderen Seite der Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt, der – getrieben von einem schier grenzenlosen Enthusiasmus und unersättlicher Neugier – im Zuge seiner mehrjährigen Forschungsreisen u. a. Lateinamerika und Russland bereiste.

Ausgehend vom Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin, bei dem sich die Wege dieser beiden so ungleichen Männer das erste Mal kreuzen, entfaltet sich anschließend im kapitelweisen Wechsel eine Art Doppelbiografie (stellenweise auf charmante Weise dadurch verknüpft, dass Gauß z. B. in Zeitungsartikeln immer mal wieder auf Humboldts Namen stößt), die im letzten Drittel des Buches wieder zusammengeführt wird – und genau das hat für mich den Reiz dieses Romans ausgemacht. Denn aus der Gegensätzlichkeit seiner beiden Protagonisten sowohl im Charakter als auch in ihren Lebensläufen entwickelt Daniel Kehlmann eine auf mehreren Ebenen sehr unterhaltsame Geschichte über das Streben nach Wissen, geistige Größe und menschliche Schwächen.

Noch viel spannender als die beruflichen Werdegänge, die Entdeckungen und Errungenschaften fand ich dabei allerdings, wie Kehlmann diesen beiden ebenso großen wie eigensinnigen Männern Leben einhaucht. Wie er sie auf humorvoll-ironische Art und Weise geradezu greifbar macht in ihrer… ich nenne es mal vorsichtig: Kauzigkeit aber v. a. auch in ihrem „Deutschsein“. So zum Beispiel als Humboldt für das Spektakel einer Sonnenfinsternis keine Augen hat, weil ihm mehr daran gelegen ist, dieses Ereignis für eine seiner Messungen zu nutzen:

„Humboldt fragte, wie es gewesen sei.
Bonpland sah ihn ungläubig an.
Er habe es nicht gesehen, sagte Humboldt. Nur die Projektion. Er habe das Gestirn im Sextanten fixieren und auch noch die Uhr überwachen müssen. Zum Aufblicken sei keine Zeit gewesen. […] Manche nähmen ihre Arbeit eben ernster als andere!
Das möge ja sein, aber… Bonpland seufzte.
Ja? Humboldt blätterte im  Ephemeridenkatalog, zückte den Bleistift und begann zu rechnen. Aber was?
Müsse man immer so deutsch sein?“ (S. 80)

Über diese karikierenden Darstellungen von gemeinhin als „deutsch“ angesehenen Eigenarten hinaus, bietet Kehlmanns Roman allerdings auch interessante Einblicke in die Weltsicht der Aufklärung. Denn so unterschiedlich seine beiden Protagonisten sein mögen, haben sie doch etwas gemeinsam: ihre Hingabe an die Wissenschaft und damit einhergehend Lebensläufe, die geprägt sind von der Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, wie es der Klappentext so schön beschreibt. Doch auch dabei bleibt Kehlmann seinem Stil treu, sodass selbst philosophisch angehauchte Passagen einen hohen Unterhaltungswert haben:

„Er dachte ans Jüngste Gericht. Er glaubte nicht, daß so etwas veranstaltet werden würde. Angeklagte konnten sich verteidigen, manche Gegenfragen würden Gott nicht angenehm sein. Insekten, Dreck, Schmerz. Das Unzureichende in allem. Selbst bei Raum und Zeit war geschlampt worden. Falls man ihn vor Gericht stellte, gedachte er, ein paar Dinge zur Sprache zu bringen.“ (S. 99)

Ich gestehe, dass ich mir nicht die Mühe gemacht habe zu recherchieren, ob die dargestellten Ereignisse im Detail der Wahrheit entsprechen. Letzten Endes müssen sie das aber auch gar nicht, denn schließlich handelt es sich bei diesem Buch eben doch um keine Biografie im engeren Sinne, sondern um einen Roman. Um einen durchaus gelungenen Roman, dessen Ende jedoch ganz geschickt die Frage offen lässt, welcher der beiden Protagonisten  wohl erfolgreicher war in dem ehrgeizgen Unterfangen einer „Vermessung der Welt“:

„Aber während die ersten Vororte Berlins vorbeiflogen und Humboldt sich vorstellte, wie Gauß eben jetzt durch sein Teleskop auf Himmelskörper sah, deren Bahnen er in einfache Formeln fassen konnte, hätte er auf einmal nicht mehr sagen können, wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben.“ (S. 293)

~ Fazit ~

„Die Vermessung der Welt“ hat mich gut unterhalten – nicht mehr aber auch nicht weniger. Wobei vor allem Daniel Kehlmanns sehr lesbarer Stil dazu beigetragen hat, dass ich diesen Roman trotz meiner anfänglichen Skepsis dann doch zügig weggeschmökert habe. 3,5 Sterne

Titel: Die Vermessung der Welt
Autor: Daniel Kehlmann
Verlag: Rowohlt
Taschenbuch: 302 Seiten
ISBN: 978-3-499-24100-0

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gelesen, Lesekreis

~ Vor dem Fest ~

"Vor dem Fest" von Saša StanišićEs liegt ja in der Natur einer Rezension, dass sie grundsätzlich subjektiv ist – ich fürchte allerdings, dass ich im Falle von „Vor dem Fest“ in besonderem Maße voreingenommen bin. Ich hatte ja bereits in meinem Beitrag „Die Literatur lässt mich nicht los…“ kurz von der Pilotenlesung mit Saša Stanišić und Katharina Adler berichtet, die mich wirklich begeistert und auch prompt dazu verleitet hat, mir „Vor dem Fest“ noch an Ort und Stelle zu kaufen. Und ich muss sagen, dieser Roman war das perfekte Mittel, um den traurigen literarischen Nachgeschmack von  Zitronenkuchen zu vertreiben.

Saša Stanišić entführt den Leser in seinem Roman ins uckermärkische Fürstenfelde, wo sich die Dorfbewohner gerade auf das jährliche Annenfest vorbereiten bzw. vorbereitet haben, denn inzwischen ist es Nacht. Die Nacht vor dem Fest – doch nicht alle finden in dieser Nacht Ruhe: Die Malerin Frau Kranz, die seit 1945 ausschließlich Fürstenfelde und Umgebung malt, hat es sich in den Kopf gesetzt, ihrer beachtlichen Motivsammlung endlich ein Nachtbild hinzuzufügen. Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, ringt mit einem Zigarettenautomaten und mit der Frage, ob es noch lohnt, am Leben zu bleiben. Der Fährmann – ist leider tot. Und zu allem Überfluss wurde auch noch ins Haus der Heimat eingebrochen…

Dass Fürstenfelde, obwohl es durchaus das eine oder andere Vorbild in der Realität zu haben scheint, letzten Endes fiktiv ist, nimmt dabei weder der Geschichte, noch den Figuren, die sie bevölkern, etwas von ihrer Lebendigkeit. Und das liegt vor allem daran, dass jede Person in diesem Roman ihre ganz eigene Sprache hat, die sie auf prägnante Weise charakterisiert und ihr Kontur verleiht. Selbst einer Füchsin, auf der Suche nach Eiern für ihre Jungen, gibt Saša Stanišić eine Stimme, von der man ohne Weiteres glauben könnte, dass das Tier seine Umgebung genau so wahrnimmt. Wenn ich mich recht erinnere, hat es Saša Stanišić im Rahmen der Lesung so formuliert, dass er „ein Dorf aus Sprache“ schaffen wollte – und das ist ihm, aus meiner Sicht, ganz klar gelungen.

Eine weitere Besonderheit, auf die während der Lesung eingegangen wurde, ist die spezielle Erzählweise. Denn es ist keine konkrete Person, die im Laufe der Nacht an der Seite der Ruhelosen durch das Dorf streift und das Geschehen kommentiert. Es ist ein „Wir“, eine Art kollektives Gedächtnis des Dorfes, das den Leser – ebenfalls mit einer ganz eigenen Stimme – durch die Ereignisse der Nacht führt. Und diese Stimme,  mal nostalgisch, mal fast poetisch, stets mit einem ganz eigenen Humor, hat es mir besonders angetan:

„Im Haus der Heimat steht auf einer Kommode neben dem Besucherklo ein kleiner Fernseher. Der Fernseher hat einen integrierten Videorekorder. Wir finden das praktisch und gut und sind erstaunt und unglücklich darüber, dass sich Kombilösungen wie diese nicht haben durchsetzen können“. (S. 160)

Natürlich hat man selten die Gelegenheit und das Glück, sich vom Autor höchstselbst sein Werk „erklären“ zu lassen. In diesem Fall kann ich daher nun nicht mit Sicherheit sagen, wie ich die Erzählweise ohne dieses „Hintergrundwissen“ verstanden und gefunden hätte. Da ich aber spätestens seit Terry Pratchett großer Fan „anthropomorpher Personifizierungen“ bin, hat mich dieses Wir durch seine Sprache und seine Sicht auf die Dinge mit diesem Hintergrundwissen quasi doppelt begeistert.

Doch es sind nicht nur Menschen, die in dieser Nacht durch das Dorf streifen und deren Leben und Geschichten sich kaleidoskopartig, manchmal auch nur in Fragmenten zu einem stimmungsvollen Mosaik des Dorflebens fügen. Auch der Einbruch ins Haus der Heimat spielt eine entscheidende Rolle und das erzählende Wir warnt nicht ohne Grund:

„Hier geht es anders zu als in den Touristenführern, in den Büchern, den demografischen Studien. Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.“ (S. 163)

Und so erhält der Roman in der zweiten Hälfte noch einmal eine besondere Dynamik, als die Grenzen zwischen der Vergangenheit – in Form von in den Text eingestreuten Sagen und Erzählungen in barocker Sprache – und der Gegenwart verschwimmen und eben diese alten Geschichten und Sagen in der Nacht vor dem Fest ein geradezu mystisches Eigenleben annehmen… Davon hätte ich mir glatt zu Beginn des Buches schon ein wenig mehr gewünscht.

Letzten Endes spiegeln die Geschichten und Episoden, aus denen sich der Roman zusammensetzt, an vielen Punkten auch das leise Sterben dieses Ortes wider, der Heimat für die unterschiedlichsten Menschen war und ist.  Wo es früher noch mehrere Kneipen gab, gibt es jetzt nur noch Ullis Garage als Ort, an dem die Männer trinken, rauchen und unter sich sein können. Es gibt keine Tankstelle mehr, dafür „brandenburgische Industrieruinen“. Doch auch das mitunter nostalgische Erinnern, das Festhalten an der Vergangenheit, ohne die es kein Heute und auch kein Morgen geben würde, flicht Saša Stanišić beinahe leichtfüßig in seinen Roman. Denn auch davon lässt sich das erzählende Wir nicht unterkriegen:

„Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden von keinem Plan zu. Oder dem Plan, wegzugehen. […] Die Leute sagen, ein paar Generationen noch, länger geht das hier nicht. Wir glauben: Es wird gehen. Es ist immer irgendwie gegangen. Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot, Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.“ (S. 13)

~ Fazit ~

„Vor dem Fest“ ist stilistisch wahrlich ein Kunstwerk, das mich aber auch jenseits der beeindruckenden Sprachvielfalt fabelhaft unterhalten hat. Allzu leicht kann man sich im kunstvollen Geflecht der Geschichten und  geschickt komponierten Details verlieren und wünscht sich, dass diese lange Nacht nie zu Ende gehen möge. 5 Sterne

Titel: Vor dem Fest
Autor: Saša Stanišić
Verlag: Luchterhand
Hardcover: 315 Seiten
ISBN: 978-0-09-953827-1

 

7 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

~ The Particular Sadness of Lemon Cake ~

The Particular Sadness of Lemon CakeIch gebe es zu – ich kann bei Büchern manchmal ganz schön oberflächlich sein: ein klangvoller Titel, ein ansprechendes Cover und schon ist mein Interesse geweckt. Aber wie heißt es so schön: Never judge a book by its cover. Und das gilt offensichtlich auch für den Titel – denn der hat zumindest für mich im Fall von „The Particular Sadness of Lemon Cake“ leider nicht gehalten, was er versprochen hat. Und ich kann noch nicht einmal behaupten, ich wäre nicht gewarnt gewesen, hat mir eine Freundin und Kollegin doch bereits zuvor dringend von der Lektüre abgeraten. Da ich mir aber grundsätzlich gern selbst ein Bild mache, habe ich mich davon nicht beirren lassen, mich ganz dem Versprechen des wunderbaren Titels hingegeben – und bin dafür nun um eine wenig erhebende, letztlich sogar eher frustrierende Leseerfahrung reicher…

Dabei war mein Interesse in diesem Fall gar nicht so oberflächlicher Natur, denn der Klappentext deutet eine durchaus faszinierende Prämisse an: „On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents‘ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal.“

Doch da fängt das Elend für mich auch schon an, denn leider verbinden sich mit dieser „magischen“ Gabe in erster Linie negative Gefühle und traurige Einsichten: über die Geheimnisse der Mutter, die Teilnahmslosigkeit des Vaters, die weltabgewandte Zurückgezogenheit des Bruders. Dabei bräuchte es dafür die besondere Gabe der Protagonistin gar nicht unbedingt, denn worum es in dieser Geschichte eigentlich geht, wird für den Leser auch jenseits der Szenen am Esstisch mehr als deutlich: um eine sich auflösende Familie, um Menschen, die einander alles bedeuten und sich im Grunde doch fast fremd sind.

All dies wird durch die Augen der zunächst achtjährigen und später langsam erwachsen werdenden Rose erzählt, die in vielerlei Hinsicht unter ihrer Gabe leidet und darunter, dass sie das Gewicht dieser Gabe kaum mit jemandem teilen kann. Und obwohl das gesamte Buch von der Tragik dieser jungen Protagonistin und ihrer Familie durchdrungen ist, habe ich mich sehr schwer damit getan, mit ihr zu fühlen oder mich in sie hineinzuversetzen. Vielleicht aber auch genau deswegen – weil Rose jenseits dieser fast greifbaren, schwermütigen Hoffnungslosigkeit, von der ihre Geschichte getragen ist, und über ihre Gabe hinaus für mich doch irgendwie farblos geblieben ist.

Auch auf sprachlicher Ebene hat mich das Buch leider nicht wirklich in seinen Bann gezogen. Und das, obwohl auf dem Cover ein Testimonial von Jodi Picoult, deren Bücher ich sehr gern lese, „such beautiful writing“ verspricht… Das ist dann wohl irgendwie an mir vorbeigegangen bzw. durch die bedrückende Handlung in den Hintergrund geraten. Dabei kann ich mich grundsätzlich auch für traurige Bücher begeistern aber hier ist der Funke irgendwie nicht übergesprungen. Im letzten Drittel hat die Handlung dann zwar noch einmal deutlich an Spannung gewonnen und mich damit schon gefesselt, das Ende hat meinen Leseeindruck dann allerdings final ruiniert. Nein, ich werde nicht spoilern – aber für einen Roman, der sich bis zu diesem Punkt trotz leicht „magischer“ Anklänge doch zumindest in der Peripherie der Realität verorten ließ, führt dieses spezielle Ende einfach zu weit.

~ Fazit ~

Als tragisches Porträt einer zerfallenden Familie hätte dieser Roman in seiner Schwermütigkeit durchaus überzeugen können – es hätte dafür die besondere Gabe der Protagonistin, so verlockend sie als Prämisse auch war, allerdings nicht unbedingt gebraucht und dieses Ende schon gar nicht. 2stars

Titel: The Particular Sadness of Lemon Cake
Autorin: Aimee Bender
eBook: 230 Seiten
Verlag: Windmill Books
ISBN: 978-0-09-953827-1

On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents‘ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf
On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents‘ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf
On the eve of her ninth birthday, unassuming Rose Edelstein, a girl at the periphery of schoolyard games and her distracted parents‘ attention, bites into her mother’s homemade lemon-chocolate cake and discovers she has a magical gift: she can taste her mother’s emotions in the slice. She discovers this gift to her horror, for her mother – her cheerful, can-do mother – tastes of despair and desperation. Suddenly, and for the rest of her life, food becomes perilous. Anything can be revealed at any meal. – See more at: http://www.windmill-books.co.uk/index.php/Books/?book=The%20Particular%20Sadness%20of%20Lemon%20Cake&ean=9780099538271#sthash.GcYCterr.dpuf

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen