Schlagwort-Archive: Saramago

Auf den Spuren von Pascal Mercier und José Saramago

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir im Rahmen unseres Lesekreises „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier gelesen – und vor die Frage gestellt, wo ich meinen diesjährigen Sommerurlaub verbringen könnte, war mir dieses literarische Porträt der portugiesischen Hauptstadt noch so lebhaft im Gedächtnis, dass die Entscheidung schnell getroffen war. Zwar habe ich mich gegen den Nachtzug und für das Flugzeug entschieden, das hat meiner Begeisterung jedoch keinen Abbruch getan. Weiterlesen

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter Dies und das

„Chaos ist Ordnung – jedoch unentschlüsselt“

© capelight pictures

Nanu, dachte ich mir beim Lesen der Filmbeschreibung zu „Enemy“ von Denis Villeneuve, das klingt doch ganz nach „Der Doppelgänger“ von José Saramago: Ein Lehrer bzw. Geschichtsprofessor wird aus seinem recht monotonen Leben gerissen, als er in einem Film einen Schauspieler entdeckt, der ihm bis aufs Haar gleicht. Verstört und doch auch fasziniert macht er sich auf die Suche nach jenem Mann, eine Suche, die schnell Züge einer Obsession annimmt, ihn hineinzieht in das Leben des Fremden – und das seiner hochschwangeren Frau…

Auf den zweiten Blick (in die rechte untere Ecke des Filmposters) hat sich mir der Grund dafür, dass „Enemy“ solche Ähnlichkeiten mit einem ’saramagischen‘ Roman aufweist, den ich leider noch nicht gelesen habe, schnell erschlossen: Denn eben dieser Roman diente Villeneuve als Vorlage für sein düsteres Verwirrspiel zwischen Wahn und Wirklichkeit. Obwohl der Film laut verschiedener Besprechungen wohl eher eine freie Interpretation des Romans darstellt, war der Kinobesuch für mich als großen Fan von Saramago quasi Pflicht –  und er hat mich nicht enttäuscht. Denn die eigenwillige Bildsprache, das Farbspektrum und die ganze Art der Inszenierung haben eine Atmosphäre geschaffen, die mich mehr als einmal an die oft surreale, mitunter  beklemmende Stimmung erinnert hat, die auch Saramagos Texte auszeichnet.

Hinzu kommt, dass ich Jake Gyllenhaal spätestens seit dem ebenfalls von Villeneuve inszenierten Entführungsdrama „Prisoners“ als einen wirklich guten Schauspieler schätzen gelernt habe, der in „Enemy“ nun sogar in einer Doppelrolle glänzt, als Geschichtsprofessor Adam Bell und Schauspieler Anthony Claire. Dabei verleiht er beiden Figuren auf eindrucksvolle Art und Weise einen ganz eigenen Charakter. Und er trägt mit seiner schauspielerischen Leistung wesentlich dazu bei, dass ich als Zuschauerin mit Spannung und hin und wieder sogar mit Gänsehaut verfolgt habe, wie die beiden Männer sich immer mehr in einem gefährlichen Netz aus in Frage gestellten, willentlich oder erzwungenermaßen getauschten Identitäten verfangen. (Die Spinnensymbolik, auf die Villeneuve dafür mehrfach zurückgreift, hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht – aber es sei ihm gegönnt.)

~ Fazit ~

Eine Empfehlung nicht nur für Fans von Saramago, sondern für alle, die bereit sind, sich auf das ebenso spannende wie surreale Verwirrspiel einzulassen, das Villeneuve inszeniert – und nicht unbedingt große Verfechter klarer Auflösungen sind…

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesehen

~ Kain ~

Bisher werden die Abstände zwischen meinen Rezensionen zugegebenermaßen noch nicht wirklich kürzer… Wohingegen die Liste der Bücher, die ich zwischen-zeitlich gelesenen habe, immer länger wird 😦 Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, bei den noch offenen Rezensionen chronologisch vorzugehen, kommt nun doch diese zuerst, da ich „Kain“ gerade ausgelesen habe, die Eindrücke noch entsprechend frisch sind und mir diese Rezension schnell von der Hand ging. Aber wie gesagt/ geschrieben: Ich bemühe mich, auch die Rezensionen zu den übrigen Titeln baldmöglichst nachzureichen!

Ein Grund dafür, dass sich die Rezension zum neuen Titel von José Saramago so leicht geschrieben hat, mag darin liegen, dass der leider 2010 verstorbene portugiesische Nobelpreisträger definitiv zu meinen Lieblingsautoren gehört. Ich habe bereits mehrere Bücher von ihm gelesen und bin großer Fan seines ganz speziellen, „saramagischen“ Stils und auch seines mitunter an Blasphemie grenzenden Atheismus. Dementsprechend begeistert war ich, als ich letztes Jahr in den ausgewählten Neuerscheinungen von Ada Mitsou den neusten (und letzten) Roman von Saramago entdeckte: „Kain“. Wunderbar, dachte ich, eine weitere ironisch-kritische Auseinandersetzung mit der christlichen Religion. Doch auch wenn man „Kain“ durchaus als konsequente Fortsetzung von „The Gospel According to Jesus Christ“ lesen kann, hat der Roman mich leider nicht komplett überzeugt…

Wie schon im „Gospel“ präsentiert uns Saramago auch hier wieder seine ganz eigene Version der biblischen Geschichte. An der Seite des Brudermörders Kain reist der Leser an verschiedenste Schauplätze des Alten Testaments. Dabei ist Kain jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift auch aktiv in das jeweilige Geschehen ein. So wird er u.a. zum Liebhaber der verführerischen Lilith, hält Abraham davon ab, seinen Sohn Isaak zu opfern, und gehört zu jenen Botschaftern, die dem von Gott auf die Probe gestellten Hiob eine furchtbare Nachricht nach der anderen überbringen. Und während er wieder und wieder Zeuge von Elend und Grausamkeit wird – verursacht entweder im Namen des Herren oder gar der Durchsetzung seines Willens geschuldet – , lässt Kain kaum eine Gelegenheit aus, um seine Zweifel an der „göttlichen Vernunft“ zu artikulieren.

Besonders brisant gestaltet sich dies, wenn ihm sein „Gegenspieler“, der Herr höchstselbst, direkt gegenübersteht. Die resultierenden Dialoge sind zumeist nicht nur sehr unterhaltsam (z. B. wenn Kain den Herren unumwunden darauf hinweist, dass seine Berechnungen bezüglich der Arche falsch sind), sie verraten dem Leser auch einmal mehr viel über Saramagos Sicht auf die Religion im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Speziellen. Wie so oft bleiben die anderen Charaktere neben dem Protagonisten dabei eher flach, und auch die Persönlichkeit des Allmächtigen stellt sich erwartungsgemäß recht eindimensional dar. Gleichzeitig kann man jedoch festhalten, dass auch Kain kein Kind von Traurigkeit ist, sondern in sich selbst und damit auch in seiner Rolle als Ankläger ein durchaus zwiespältiger Charakter – was dem Text zusätzliche Tiefe verleiht.

Vom Stil her ist „Kain“ insofern ein typischer Saramago, als dass Interpunktion nur eine untergeordnete Rolle spielt und der Text geprägt ist durch den vertrauten, blasphemisch-spöttelnden Ton. Irgendein Zeichen von Altersmilde sucht man vergebens, im Gegenteil – in diesem Roman wird Saramagos spezieller Humor von einem ordentlichen Schuss Boshaftigkeit begleitet. Und vielleicht ist es genau das, was mich stört. Hier werden verschiedene Anekdoten willkürlich aneinander gereiht, verbunden allein durch den Zweck, die göttliche Allmacht um jeden Preis ad absurdum zu führen. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, ich weiß ein gewisses Maß an Provokation durchaus zu schätzen, und auch diese Form der Religionskritik hat ihre Berechtigung. Dennoch hatte das Ringen mit einem allmächtigen aber eben auch fehlbaren, grausamen und selbstgerechten Gott im „Gospel“ meines Erachtens noch eine stärker philosophische Qualität, während mir bei „Kain“ einfach zu oft zu viel Schadenfreude mitschwingt.

~ Fazit ~

Ein ebenso unterhaltsames wie tiefgründiges Werk, das sprachlich und stilistisch zu überzeugen weiß, für meinen Geschmack jedoch gut etwas weniger Boshaftigkeit vertragen hätte. 

Titel: Kain
Autor: José Saramago
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-40295-7

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen

~ The Gospel According to Jesus Christ ~

Die spanische Sonne hat geholfen! Naja, vielleicht lag es auch daran, dass sich José Saramagos “Gospel” ab der zweiten Hälfte für mich einfach deutlich besser gelesen hat. Aber der Reihe nach:

Ich habe mir von diesem Buch viel versprochen, da ich bereits “Die Stadt der Blinden”, “Death At Intervals” und “Alle Namen” gelesen habe und gerade von den ersten beiden wirklich begeistert war. (Für das Pendeln zwischen Englisch und Deutsch habe ich keine wirkliche Erklärung. Da ich des Portugiesischen leider nicht mächtig bin, bleiben mir nur Übersetzungen, bei denen sich allerdings feststellen lässt, dass sie sich im Stil recht ähnlich sind – hoffentlich ein Hinweis darauf, dass sie den Stil von Saramago so originalgetreu wie möglich wiedergeben.) José Saramago besitzt in meinen Augen ein bemerkenswertes Gespür für Handlungen, die zunächst nicht besonders spannend oder spektakulär erscheinen, doch im Verlauf eine unglaubliche psychologische Kraft und Tiefe entwickeln. Dabei tut auch der ganz spezielle Umgang des Autors mit Orthografie dem anspruchsvollen Lesevergnügen keinen Abbruch, wenn man sich einmal darauf eingestellt hat.

Schon beim Lesen der Inhaltsangabe von “The Gospel According to Jesus Christ” wird deutlich, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen klassischen “Gospel” handelt, sondern vielmehr um eine merkbar gegen den Strich gebürstete Version von Jesus‘ Lebens- und Leidensweg im “saramagischen” Stil – damit war mein Interesse schnell geweckt.

Doch der Anfang war für mich erstmal eher ernüchternd… Mir war schlicht und einfach das “Vorgeplänkel” zu lang, sprich die Geschichte von Joseph und Maria, die immerhin die erste Hälfte des Buches einnimmt. Zwar finden sich auch hier schon für Saramago typische humorvoll-ironische Seitenhiebe (etwa auf die Rolle der Frau zur damaligen Zeit), nichtsdestotrotz las sich der Anfang für mich eher zäh und schleppend, teilweise hatte der Erzählfluss schon fast etwas monotones. Natürlich, handfeste Action braucht man bei Saramago ohnehin nicht zu erwarten, trotzdem haben mich die Bücher, die ich bisher von ihm gelesen habe, meist ziemlich schnell gepackt. Das war diesmal leider nicht der Fall und sicher auch ein Grund, warum ich ungewöhnlich lange gebraucht habe, um das Buch zu Ende zu lesen.

Unabhängig davon wurde mir schon in diesem ersten Teil recht schnell klar, dass es für mich als Laie schwierig ist, Fakt und Fiktion zu unterscheiden. (Aber das kann ja auch ein Anreiz sein, sich doch mal intensiver mit dem ein oder anderen biblischen Stoff auseinander zu setzen, was ja per se nichts schlechtes ist). Joseph und Maria sind in diesem ganz speziellen “Gospel” ein für die damalige Zeit durchschnittliches Ehepaar. Jesus‘ Zeugung erhält zwar durch verschiedene bedeutungsschwere Zeichen eine besondere Aufladung, von einer unbefleckten Empfängnis kann jedoch keine Rede sein. Stattdessen macht sich Joseph in Saramagos aus christlicher Perspektive sehr gewagter Version der Geschichte indirekt am Tod der Kinder von Bethlehem schuldig und wird schließlich sogar, wenn auch aus einem Irrtum heraus,  gekreuzigt, während er – soweit ich das eruieren konnte – in der Bibel einfach von der Bildfläche verschwindet… Schon nach dieser ersten Hälfte bestätigt sich also der Eindruck, dass es sich bei diesem “Gospel” eher um eine freie Interpretation des biblischen Stoffes handelt, in der zudem wenig bis gar nichts geschönt oder mystifiziert wird – was allerdings durchaus seinen Reiz hat.

Und nach dem “Vorgeplänkel” wird dann aus dem “Gospel” doch noch ein Saramago wie ich ihn kenne und liebe, ironisch-skurril und bei aller Tragik doch immer wieder durchsetzt mit herrlich hintergründigem Humor. Der auktoriale Erzähler (dessen Rolle Saramago auch immer wieder gern im Text thematisiert) begleitet nun (endlich!) Jesus selbst, der seine Familie verlässt, um einen Weg zu finden, mit der auf ihm lastenden Schuld seines Vaters umzugehen. Dabei ist Saramagos Jesus ein ganz normaler junger Mann mit Stärken und Schwächen, der schließlich sogar – natürlich ohne es zu wissen – beim Teufel persönlich in die Lehre geht, der wiederum bezeichnenderweise als Pastor auftritt. Ich gehe davon aus, dass Saramago hier ganz bewusst die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt, denn “Pastor” ist nicht das personifizierte Böse, sondern bringt Jesus vielmehr dazu, seinen Glauben und seine Grundsätze kritisch zu hinterfragen. Und wie wichtig das ist, zeigt sich spätestens, als der Allmächtige das erste Mal persönlich in Erscheinung tritt. Fast wirkt es, als hätte Saramago den Allmächtigen und den Teufel die Rollen tauschen lassen, denn Gott ist in Saramagos Gospel kein gutmütiger älterer Herr mit weißem Rauschebart, sondern ein selbstsüchtiger, machthungriger Autokrat, dessen Willkür und Verheißungen man sich nicht fraglos unterwerfen sollte. Das ist eine der Lektionen, die “Pastor” dem jungen Jesus mit auf den Weg gibt, der das wahre Ausmaß dieser Lektion jedoch erst begreift, als es bereits zu spät ist…

Denn in der für mich mit Abstand eindrucksvollsten Szene des Buches, einem Gespräch zwischen Gott, Jesus und Pastor, begreift Jesus schließlich, dass er nichts weiter ist als ein Mittel zum Zweck, ein Bauer im Spiel des Allmächtigen um Macht und Einfluss über die Grenzen des Judentums hinaus. Er hat sich von der Aussicht auf Ruhm blenden lassen und muss sich nun in sein Schicksal fügen, das Schicksal eines Opferlamms: geboren, um zu sterben. Und sein Tod wird nur der Anfang eines langen und blutigen Kampfes um die Verbreitung des christlichen Glaubens sein, wie die erschreckend lange Aufzählung all jener Märtyrer, die auf grausame Art für ihren Glauben gestorben sind, zeigt, die Jesus dem Herrn abringt. Solchen Ruhm hat er nie gewollt, doch die ebenso kurze wie unerbittliche Antwort des Allmächtigen macht noch einmal deutlich, das für diesen Gott das Leid der Menschen nicht von Bedeutung ist: “I don’t want this glory, But I want that power.”
Selbst das durchaus ernst gemeinte Angebot Pastors, sich dem Allmächtigen reumütig wieder unterzuordnen, um jahrhundertelanges Blutvergießen zu verhindern, kann und will Gott nicht annehmen, denn ohne das Böse, gegen das es sich abhebt, kann das Gute nicht existieren.

Allein für dieses Gespräch hat es sich gelohnt, sich durch das “Vorgeplänkel” zu kämpfen – ein beeindruckendes Stück Literatur, das noch lange nachklingt!

Das Ende wiederum kam dann für meinen Geschmack viel zu schnell. Bemerkenswert, weil mit Blick auf die “klassische” Sichtweise ebenfalls sehr gewagt, ist hier noch die Tatsache, dass Judas Jesus auf dessen Wunsch hin verrät – ein letzter verzweifelter Versuch, doch noch aus dem grausamen Schicksal, das Gott für ihn vorgesehen hat, auszubrechen.

~ Fazit ~

Ein absolut unkonventioneller aber nichtsdestotrotz beeindruckender Gospel, der so manchem Gläubigen Tränen in die Augen oder die Zornesröte ins Gesicht treiben mag. Häretisch? Vielleicht. Doch für mich ist dieser ganz spezielle Gospel – trotz des etwas langatmigen Einstiegs (für den ich aber nach längerem Zögern und in Anbetracht der Qualität der zweiten Hälfte doch nur einen Stern abziehe) – vor allem eine eindringliche und faszinierende literarische Bearbeitung der biblischen Geschichte. Kritisch? Sicher. Aber trotzdem bzw. gerade deswegen ein intensives Leseerlebnis, das zum Nachdenken anregt.   

Titel: The Gospel According to Jesus Christ
Autor: José Saramago
Originaltitel: O Evangello segundo Jesus Cristo
Taschenbuch: 342 Seiten
Verlag: Vintage Books
ISBN: 978-1860466847

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gelesen